Kommentar

Die Viren wollen uns nicht ausrotten

Sabine Kuster
Dieser Krankheitserreger sorgt derzeit für weltweite Aufregung.

Dieser Krankheitserreger sorgt derzeit für weltweite Aufregung.

Heimtückische Erreger sind doppelt gefährlich: Bevor wir überhaupt krank werden, legt die Angst uns lahm. Doch Viren haben eigentlich nicht im Sinn, jene, die sie befallen, schnell zu töten.

Viren sind ein ständiger Feind der Menschheit. Zumindest empfinden wir das so: die Pocken, die Spanische Grippe, ab Mitte des 20. Jahrhunderts Aids, später sorgte die Identifizierung der Erreger von Ebola, Sars, oder der Vogelgrippe für Angst. Und nun das Coronavirus 2019-nCoV.

Seit wir innert Stunden in jedes Land jetten können, hängt das Risiko einer weltweiten Seuche, der Pandemie, wie ein Damoklesschwert über dem Globus. Kein Wunder, macht Hollywood immer mal wieder die Pan­demie zum übermächtigen Feind in einem apokalyptischen Streifen.

Stirbt der Wirt, sterben auch die Viren

Dabei geht vergessen: Die Menschen wollen zwar gefährliche Viren ausrotten, aber die Viren ihrerseits haben das nicht im Sinn. Nicht dass diese organischen Strukturen etwas planen könnten. Sie leben nicht mal eigentlich, denn sie haben keinen Stoffwechsel und brauchen für ihre Existenz und Replikation zwingend einen Wirt wie den Menschen. Wenn Viren ihre Wirte ausrotten würden, gäbe es sie längst nicht mehr. Auch jene Viren, welche ihre Wirte schnell und heftig krank machen, haben keine guten Chancen, sich rasch zu verbreiten, da der Träger dann im Bett bleibt. Die meisten Viren sind zwar nicht auf die Menschen angewiesen, doch auch bei den Tieren und überall in der Natur gibt es ausgleichende Mechanismen. Das klassische Beispiel: Eine Wolfspopulation schrumpft, sobald die Nahrung knapper wird, worauf sich der Wildbestand erholt.

Etwas ausrotten zu wollen, ist vermutlich die einzigartige Absicht der Spezies Mensch. Bezüglich Viren hat der Mensch das in den 1970er-Jahren mit den Pockenviren geschafft (um ein positives Beispiel zu nennen).

Doch heute, wo Menschen nicht nur mobil sind wie nie, sondern auch dicht aufeinander leben, muss schnell reagiert werden, damit sich ein Virus nicht ausbreiten kann. Vielleicht wird man bei 2019-nCoV rückblickend finden, die Aufregung sei zu gross gewesen. Aber noch ist es nicht so weit. Ein Virus ist unberechenbar und was eine richtige Entscheidung war und welche übertrieben, zeigt sich erst später.

Erst die Angst zu handeln wird tödlich

Was über diesen Stresstest der Welt jetzt schon gesagt werden kann, ist, dass demokratische Staaten bei Epidemien einen Vorteil haben: Die Leute getrauen sich bei auftretenden Krisen eher, sofort zu handeln und auf ein Problem hinzuweisen, als Mitglieder eines totalitären Staates. Diese sind gewohnt, nur auf Anordnungen von oben zu reagieren. Zivilcourage oder das Überschreiten von Kompetenzen ist gefährlich. Und trotz der Erfahrung mit dem Sars-Ausbruch 2003 wurde in Wuhan auch diesmal erst entschlossen gehandelt und informiert, als im Dezember nach zwei oder drei Wochen das ganze Problem der Zentralregierung bekannt war.

Die ersten Tage sind aber bei einem Seuchenausbruch entscheidend, um eine Ausbreitung noch mit relativ wenig Aufwand verhindern zu können. Nun tut China, was eben seine Stärke ist: drastische Massnahmen rigoros durchsetzen. Mindestens 13 Grossstädte seien abgeriegelt worden, 45 Millionen Menschen können nicht mehr reisen. Wenn jemand erkrankt, informieren die Gesundheitsbehörden offenbar per SMS die ganze Nachbarschaft und nennen dabei Namen, Adressen und die behandelnde Klinik. Per Telefon würden die Leuten angewiesen, die Wohnung in den nächsten Tagen nicht zu verlassen. Und in ein paar Tagen sollen in Wuhan zwei neue Spitäler fertig aus dem Boden gestampft sein.

Aber in Krisen muss eine Regierung auch das Vertrauen der Bevölkerung haben: dass die Leute also glauben, was die Regierung sagt. Und nicht wegen Gerüchten in Hysterie ausbrechen. Denn die Bekämpfung eines Virus bedeutet nicht nur, dass die richtigen medizinischen und organisatorischen Massnahmen ergriffen werden, sondern auch, dass man die Angst der Leute im Zaum halten kann. Denn die richtet Schaden an: nicht nur in der Wirtschaft, sondern durch Stress auch an der Gesundheit. Doch weil Viren unberechenbar sind, ist es letztlich die Furcht, die am schwierigsten zu bannen ist.

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