Mensch & Medien

Die virale Sucht nach Serien

Serien fesseln Zuschauer – besonders online, wo man auf die nächste Folge oft nicht lange warten muss.

Serien fesseln Zuschauer – besonders online, wo man auf die nächste Folge oft nicht lange warten muss.

Das Schweizer Fernsehen zeigt eine neue Kriminalserie. Keine eigene, sondern eine dänische Produktion. Am Fernsehen ist der Vierteiler «Follow the money» über das nächste Wochenende auf SRF 2 zu sehen. Von der Online-Mediathek ist die Serie jedoch bereits seit Freitagabend, 22 Uhr, abrufbar. Webfirst nennt sich diese Praxis.

Ein Sender hat zwei Möglichkeiten, ein Programmhighlight zu bewerben. Entweder er stilisiert es zum Event, indem er im Vorfeld mit Häppchen die Erwartungen schürt. Oder er greift zum Mittel des viralen Marketings, indem er es vorweg niederschwellig anbietet und auf Influencer setzt, die andere darauf aufmerksam machen. In Event- und Prozessmarketing unterschied die Werbewirtschaft die beiden Varianten, lange bevor es die technologische Möglichkeit des zeitversetzten Fernsehens gab. Und vor allem: Lange bevor es Netflix gab.

Netflix hat nun aber nicht nur die Serienproduktion revolutioniert, sondern auch ein neues Publikum generiert: den Marathon-Gucker. Die Serie, ein genuines Fernsehformat in der Fortsetzung der Groschenromane, war eigentlich dazu gedacht, den Zuschauer immer wieder auf den gleichen Kanal zu locken. Doch wer heute Serienfan ist, der «bingt» und schaut die Folgen möglichst en suite. «Binge Watching» war 2015 in England das Wort des Jahres und bedeutet zu glotzen, bis die Augen aus den Augenhöhlen treten.

Wenn diese Zeilen gelesen werden, haben sich die vornehmlich jungen Serienfreaks die erste Staffel also bereits reingezogen. Die Nacht auf Samstag ist dadurch vielleicht etwas gar kurz geworden, doch sie konnten ohne finanziellen Aufwand, der mit einem Netflix-Abo verbunden ist, einem trendigen Hobby frönen. Ob dies einem Service public entspricht, ist eine andere Diskussion.

Meistgesehen

Artboard 1