Gastkommentar

Die Tiktok-Affäre: Wie eine Kinder-App die Weltmächte durcheinander bringt

Das Logo der chinesischen Video-App Tiktok - inzwischen ist die App ein Politikum. (Symbolbild)

Das Logo der chinesischen Video-App Tiktok - inzwischen ist die App ein Politikum. (Symbolbild)

Gab es das je zuvor? Eine Unterhaltungs-App, die eine Aussenwirtschaftskrise und weitreichende Verstimmungen zwischen Weltmächten verursacht? Die gibt es jetzt.

Die App TikTok des chinesischen Digitalunternehmens ByteDance ist Auslöser und Brennpunkt heftiger Auseinandersetzungen zwischen den USA und China. Eine App, mit der Jugendliche kurze Videos produzieren, in denen sie einen Witz in Szene setzen, tanzen oder Playback singen.

Vor wenigen Tagen hat US-Präsident Donald Trump angekündigt, TikTok in den USA ab dem 12. November zu verbieten, es sei denn, ein US-Konzern übernimmt den amerikanischen Teil des Geschäfts. Microsoft steht dafür bereit, eröffnet sich so doch die glückliche Gelegenheit, mithilfe der restriktiven US-Internetpolitik das eigene Business durch soziale Medien zu erweitern.

Microsoft wird vieles von Grund auf neu programmieren müssen. Der chinesische Code ist das Problem, aber auch das Erfolgsrezept von TikTok: ein Algorithmus, der die Nutzer bei der Stange hält. Ob das für 100 Millionen TikTok-Nutzer in den USA ab Mitte September gelingen kann, wird sich erst zeigen.

Die Technologie ersetzt den menschlichen Vermittler – und abschalten reicht

TikTok steht für eine neue Form der Shuttle-Diplomatie im Kampf um die Technologievorherrschaft. Während internationale Konflikte früher dadurch gelöst wurden, dass erfahrene Vermittler zwischen den zerstrittenen Staatsmännern und -frauen hin- und herreisten, ist heute Technologie als Mediator an die Stelle der menschlichen Vermittler getreten. Es muss nicht mehr gereist und geredet werden, abschalten reicht.

Das erinnert auch an die in den USA derzeit heiss diskutierte «Cancel Culture». Natürlich gibt es berechtigte Zweifel am Umgang mit Daten durch den chinesischen Staat. In einem Land, das keine demokratischen Rechte, keine Privatsphäre und keine informationelle Selbstbestimmung kennt, kann der Staat auf alle Daten zugreifen und sie für seine Zwecke nutzen, zum Beispiel für die Überwachung der eigenen Bevölkerung oder auch für Industriespionage.

Dieser Tage wurde bekannt, dass TikTok unerlaubt Daten von Android-Nutzern abgegriffen und damit auch gegen Google-Regeln verstossen hat. Ganz sicher sollten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des US-Geheimdienstes die TikTok-App nicht auf ihr Diensthandy laden.

Trump greift nun zu schwerem Kaliber und bemüht den «International Emergency Economic Power Act», die den Präsidenten per Exekutiventscheidung weitreichende Sanktionen erlassen lässt, wenn die amerikanische Sicherheit in aussergewöhnlicher Weise bedroht ist.

Das ist bei einer Video-App ungewöhnlich.

Manchmal sind Sicherheitsbedenken ja auch nur das Feigenblatt für andere Interessenlagen. So hat Trump verkündet, ein wesentlicher Teil der durch den Verkauf des US-Geschäfts von TikTok erzielten Gewinns müsse an die US-Staatskasse abgeführt werden. Nach Ansicht von Steuerexperten gibt es dafür keine rechtliche Grundlage.

TikTok störte Trumps Rallye in Tulsa, Oklahoma

Und dann ist da noch der Vorfall von Tulsa, Oklahoma. Dort wollte Trump seinen Wahlkampf mit einer Massenveranstaltung beginnen. Nur blieben die Massen aus. Zehntausende hatten in einer auf TikTok geplanten Aktion Tickets reserviert, um dann absichtlich nicht zu erscheinen. Die Ränge blieben leer und Trump war düpiert.

TikTok repräsentiert eben nicht seine Zielgruppe. Das ist die neue App-Diplomatie: Technik ersetzt Menschen, Vermutungen ersetzen Fakten, und am Ende bleibt ein Problem, das Eltern von TikTok-Fans mit aufrechten Demokraten gemeinsam haben: Wie lässt sich unreifen Persönlichkeiten beibringen, dass sie für eine kurze Befriedigung ihrer Gefühle nicht ihre Reputation, ihre Prinzipien oder noch viel mehr aufs Spiel setzen?

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