Industrie 4.0

Die Supernova im Blut

Angestellte eines Industrieunternehmens bei der Arbeit. (Symbolbild)

Angestellte eines Industrieunternehmens bei der Arbeit. (Symbolbild)

Fortschritt macht vor allem eines: Er schreitet fort. Was möglich ist, wird irgendwann real – sonst wäre es nicht möglich. Interessanter als diese Tautologie ist die Art des Fortschreitens: ob in stetiger Entwicklung, als Evolution, oder abrupt, als Revolution. Für den zweiten Fall ist der Begriff «Disruption» (von lat. disrumpere – zerbrechen, zerreissen) populär geworden. Es wird sich zeigen, ob der jüngste Digitalisierungsschub – bekannt als «Industrie 4.0» – ein Schock ist oder eine stetige Entwicklung . Das Phänomen eines unsteten Gangs des Fortschritts an sich ist jedenfalls alles andere als neu. Der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter (1883 bis 1950) prägte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts den Begriff der schöpferischen Zerstörung.

Schumpeter und die schöpferische Zerstörung

Schöpferische Zerstörung ist kein Widerspruch. Die radikalste Anschauung dafür geben die Sterne. Mittelgrosse wie die Sonne blähen sich zu roten Riesen auf, wenn ihr Wasserstoffvorrat zur Neige geht, und explodieren. Bei grösseren gerät die Explosion zur Supernova. Während dieser Ausdehnung am Ende ihres Lebens verschlingen die Sterne die Planeten, die sich einst aus dem Sternenstaub um sie herum verdichteten. Doch das ist nicht das Ende. Ihre anschliessende Implosion setzt genug Energie frei, um fast alle Elemente des Periodensystems zu bilden. Mit ihrem Untergang schaffen die Sterne wiederum den Stoff, aus dem das Leben entsteht.

Auch wenn sich Joseph Schumpeter kaum an der Kreativität der Sterne inspiriert haben dürfte: Sein Bild des Unternehmers vermittelt etwas einer Urgewalt, die die Umgebung verändert und formt. Keinesfalls sah er darin den Manager, der ein Unternehmen als Institution betritt, um es sich darin möglichst angenehm einzurichten. In den Adern seines Unternehmers floss nicht nur der Staub ausgebrannter Sterne. Er war für ihn vielmehr jemand, der selbst die Supernova im Blut hat. Unternehmen kommen und gehen im Kapitalismus. Ihr Untergang bedeutet, dass etwas Neues, Besseres gekommen ist. Im Zentrum des Kapitalismus stand für Schumpeter der Unternehmer, der das Bestehende durchschüttelt, erschüttert und wenn nötig zerstört.

Die bahnbrechendste Erfindung allein war für ihn noch keine Innovation. Das wird sie für einen wie Joseph Schumpeter erst, wenn sie sich durchsetzt. Die Schlüsselrolle spielen «Pionierunternehmer», die permanent neue Kombinationen aufspüren und durchsetzen. Heute wären das die Googles, Apples und Facebooks dieser Welt. Als radikale Neuerung zählten schon für Schumpeter nicht nur neue Produkte, sondern auch neue Produktionsmethoden, die Erschliessung neuer Märkte oder Rohstoffe sowie die Änderung der Marktposition.

Und hier dürfte die offensichtlichste Parallele zu Industrie 4.0. liegen: Nicht alle Neuerungen, die Geschichte schreiben, beruhen auf bahnbrechend neuen Technologien. Es ist manchmal die Kombination der Teilaspekte, die den Unterschied macht. Es ist genau diese Wirkung neuer Kombinationen, die Schumpeter als «schöpferische Zerstörung» beschreibt. Der Kapitalismus war für ihn das Labor des Fortschritts, die Zivilisationsmaschine – mit dem Unternehmer im Maschinenraum.

Ein Produkt muss sich auch durchsetzen

Schumpeter dachte in Prozessen. Jedes Element des Prozesses müsse in seiner Rolle «im ewigen Sturm der schöpferischen Zerstörung» gesehen werden, es könne nicht unabhängig davon verstanden werden. In diesem dynamischen Prozess gibt es keine Trockendocks, in denen Teilaspekte separiert vom Sturm betrachtet werden können. Es gibt kein Stillhalteabkommen mit der Wirklichkeit. Konstant ist für ihn nur die Veränderung.

Schumpeter war nicht der Einzige, der sich die Wirtschaft dank revolutionärer Erfindungen und ruckartiger Innovationsschübe in rastloser Bewegung vorstellte. In der Diskontinuität seiner schöpferischen Zerstörung klang bereits das Konzept des Paradigmenwechsels und der wissenschaftlichen Revolution an, das Thomas S. Kuhn (1922 bis 1996) – ein weiterer Vordenker der Disruption – in den 1960er-Jahren entwickelte.

Autor

Tommaso Manzin

Tommaso Manzin

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