Es waren schreckliche Bilder. Der fürchterliche Sturz der Holländerin Annemiek van Vleuten, die mit dem Rücken auf eine hohe Bordsteinkante knallte und regungslos liegen blieb. Oder der französische Kunstturner Samir Aït Saïd, der sich bei seiner Bodenturnübung einen doppelten Beinbruch zuzog. Es waren zwei Vorfälle, die in Rio und folglich auf der ganzen Welt für intensive Diskussionen sorgten. Vor allem die Rundstrecke des Strassenrennens geriet in die Kritik, nachdem bereits das Männerrennen prominente Sturzopfer gefordert hatte.

Nicht gefährlicher als Tour
de France, Vuelta und Giro

Sicher, die Strecke war schwierig – und auch gefährlich. Aber letztlich nicht gefährlicher als die unzähligen halsbrecherischem Abfahrten, die man Jahr für Jahr an den grossen Rundfahrten Tour de France,
Giro d’Italia und Vuelta d’Espana zu sehen bekommt, wo die Fahrer in den hohen Bergen oft haarsträubend nah an Abgründen vorbeirasen. Die Schweizerin Jolanda Neff lobte nach dem Rennen die Strecke sogar explizit als abwechslungsreich und herausfordernd. Ungeachtet des Sturzes ihrer Freundin Annemiek van Vleuten, die sie als Verfolgerin passierte,
als diese bereits regungslos am Boden lag.

Olympiasiegerin Anna van der Breggen verblüffte nach dem Rennen mit der Aussage, das sie gedacht habe, ihre Teamkollegin sei «tot». Stellt sich die Frage, warum van der Breggen im Moment dieses Gedankens nicht sofort gebremst hat und ihrer Landsfrau zur Hilfe geeilt ist? Ihr Vorwürfe zu machen, wäre allerdings völlig verkehrt. Man muss sich die Situation vorstellen: van der Breggen ist im alle vier Jahre stattfindenden Olympia-Rennen in einer aussichtsreichen Position. Bis sie in der Hitze des Gefechts überhaupt begriffen hat, was passiert ist, sind die Fahrerinnen, die selber mit vollem Risiko die Passstrasse hinabjagen, schon wieder hundert Meter vom Schauplatz entfernt. Grosse Hilfe hätten sie sowieso nicht leisten können.

Bezeichnend war aber auch der Umstand, dass sich die drei Fahrerrinnen auf der Verfolgung der führenden Amerikanerin solidarisierten, indem sie für die gestürzte van Vleuten fuhren. Auch das gehört zum Sport: Motivation finden im Unglück eines anderen Sportlers. Diese «Jetzt-erst-recht-Mentalität» verhalf den dreien letztlich zu ihren Medaillen. Störender als die ausbleibende Hilfe der Konkurrentinnen war viel mehr der Umstand, dass es eine gefühlte Ewigkeit dauerte, bis Annemiek van Vleuten medizinisch versorgt wurde. Klar war die Situation unübersichtlich und das Gelände schwierig. Aber zum Glück ging es letztlich nicht um Sekunden, die über Leben oder Tod entschieden. Ansonsten hätte man den Organisatoren wirklich massive Vorwürfe machen müssen.

Genauso so überflüssig wie die Diskussion um die Sicherheit des Radrennens ist jene, die nach der schweren Verletzung Aït Saïds aufkam. Sofort standen die Kritiker bereit, die von einer Überbelastung der Sportler sprachen. Aber: Es liegt in der Natur der Sache, dass jeder Sportler an Olympischen Spielen an seine Grenzen und darüber hinaus geht. Dass es dabei zu unliebsamen Unfällen kommt, lässt sich nicht vermeiden. Ebenso der Eindruck, dass es in Rio ungewöhnlich viele Unfälle gibt. An diesem gigantischen Anlass mit seiner Unzahl an Wettkämpfen wirkt automatisch die Wahrnehmung von negativen Meldungen stärker. Aber die Show geht weiter, immer weiter.