Samih Sawiris ist ein netter Mann. Wenn der «Pharao von Andermatt» eine Kritik anbringt, merkt es niemand von denen, die heute glauben, ätzend seien nur noch Beleidigung, Verleumdung und Geheul. Hätte man das Bild eines Skalpells vor Augen, das so sanft, so dünn die Haut ritzt, wüsste man sofort, wie tief eine solche Ritzung ins Fleisch dringen kann. Samih Sawiris sagte am Wochenende dem «SonntagsBlick Magazin»: «Anstatt ins Militär sollten zum Beispiel alle jungen Schweizer für ein Jahr irgendwo in die Dritte Welt gehen. Ein Jahr Dienst in einem solchen Land – und jeder Schweizer würde nie mehr etwas für selbstverständlich nehmen. Ihr Schweizer unterschätzt, was ihr habt. Alles ist selbstverständlich geworden. Vor allem bei der jüngeren Generation.»

Naiver Glaube

Schweizer: Kalkutta, Caracas oder Kairo einfach! Auf diesen Vorschlag gehen wir gerne ein. Zuerst drei Vorbemerkungen. Schon von Haus auf ist Sawiris ein Mann der globalisierten Elite – nicht der Typ «Davos-Man», was für ihn spricht. Die Härten, die Millionen Menschen in der Dritten Welt täglich erleiden und meistern, hat der «Pharao» nie erlebt. Sawiris Abgrund, an dem er sich phasenweise stehen sah, war unternehmerisch-finanzieller Natur. Deswegen mag ihm die Hablichkeit heute nicht mehr «selbstverständlich» vorkommen. Zum anderen treibt Sawiris vornehmlich Geschäfte für Privilegierte. In Andermatts «Chedi» kommt ihm die Schweizer Saturiertheit kaum ungelegen. Und drittens: Warum schickt er nur Schweizer in die Dritte Welt, nicht auch Schweizerinnen? Wären jetzt bloss die Jungs verweichlicht, da die «Schule der Nation», die Armee, sie nicht mehr genug schleift, Schweizerinnen hingegen unantastbar taff?

Okay – aber jetzt zur eigentlichen Idee von Samih Sawiris, vor der wir uns keineswegs drücken. Im Gegenteil: Wo sind Schriftgelehrte und Papyrus, um das sofort zu unterschreiben? Und dann lass uns fortziehen aus dem Land, wo Milch und Honig fliessen, um wieder die Mühsal der Elenden und Geschundenen zu erfahren! Im Ernst: Die Idee ist gut, mindestens bedenkenswert, wenn auch überhaupt nicht neu. Der Glaube an sie erscheint uns dennoch naiv. Wo setzen denn bei der Jugend, seit Generationen verwöhnt, Erschlaffung und Bequemlichkeit an? Gewiss nicht äusserlich. Da sind Schweizer – und Schweizerinnen – topfit. Fiberhart und drahtig bis zur Unsinnlichkeit. Träge werden sie, da sie nur noch seckeln, im Herzen, sentimental und bieder im Gemüt, da sie nur noch plappern. Fade wirkt drum jede Erfahrung, macht im Winter alle depro. Aber «Blut, Schweiss und Tränen» ist ihnen dann doch zu proll, zu unhygienisch. Dies kann man gegenwärtig pausenlos am Objekt studieren. Das öffentliche Leben hierzulande wird laufend süsslicher, infantiler. Selbst Intellektuelle, Männer wie Frauen, beschäftigen sich – sekundär-parasitär – nur noch mit Boulevard-Stoffen, TV-Trash und Narziss-Schmonzes.

Wer aber an Herzverfettung und Hirnverschmalzung leidet, der wird das unweigerlich mit sich in die Welt schleppen. Auch das lässt sich tausendfach in der sogenannten Dritten Welt beobachten. Es ist unerträglich, wie sich Schweizer – und Schweizerinnen – gelegentlich dort aufführen. So, als sei die zufällige Gnade ihrer alpinen Geburt ihre eigene Leistung und Verdienst. Und drum alle anderen – irgendwie logisch – Idioten.

Des Helvetiers innere Zähigkeit

Sawiris Idee mit der Lebensschule in der Ferne funktioniert nur, wenn jeder Schweizer – jede Schweizerin – von der Dritten Welt vor allem innen geschrubbt, eingeseift und durchgestriegelt wird. Da aber unterschätzt man meist gewaltig die innere Zähigkeit des Helvetiers. Schweizer – weniger Schweizerinnen – machen vieles mit, äusserlich, sie passen sich hervorragend an, äusserlich. Innen bleiben sie stur die alten Alpenböcke. Durchaus auch positiv: Was Schweizer und Schweizerinnen im Ausland geleistet haben und weiter leisten, ist in aller Regel beeindruckend und trägt ihnen zu Recht weltweit Anerkennung ein. Darin entwickeln sie auswärts gewöhnlich mehr Flexibilität und Freude als in der Heimat.

Deshalb müsste man postulieren: Sollen Schweizer und Schweizerinnen wirksam von allen Dünkeln entwöhnt werden, müsste man sie mindestens drei Jahre lang ausser Landes jagen. Und absolut loslösen von Daddys Checkbuch und Mamis weltumspannenden Rockzipfel. Anderseits kann es dann passieren, und das ist viel wahrscheinlicher, dass etwa Ägypten nicht uns verkairoisiert, sondern dass Schweizer am Nil schneller das Pharaonenreich verschweizern.

max.dohner@azmedien.ch