Alex Capus, Milena Moser und Thomas Hürlimann: Wie drei Paukenschläge erschienen im August die neuen Romane dieser drei grossen Schweizer Autoren. Und alle drei Romane sind herausragend gut: Alex Capus findet in «Königskinder» zu neuer Leichtigkeit und formvollendeter Schönheit, Milena Moser in «Land der Söhne» zu einer neuen Vielschichtigkeit und Tiefe und Thomas Hürlimann in «Heimkehr» zu grossartiger Fabulierfreude angesichts des existenziellen Themas von Leben und Tod. Alle drei Romane schossen auch gleich an die Spitze der Schweizer Bestsellerlisten. Zu Recht. Zeugt das jetzt von einem neuen Aufbruch der Schweizer Literatur?

Ja und Nein. Es ist absolut erfreulich, wenn langjährige Autoren sich in ihrem Schaffen immer noch weiterentwickeln – Milena Mosers Roman beispielsweise ist ihr zwanzigstes Buch. Aber auch Altmeister Adolf Muschg legte mit «Heimkehr nach Fukushima» im Frühling einen Roman vor, der mehr war, als einfach nur «der neue Muschg». Und Peter Stamm gelangte Anfang Jahr mit «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt» zu neuer Meisterschaft. Es ist «als bäume sich die Literatur gegen ihren Tod auf», wie Peter Bichsel an den Solothurner Literaturtagen sagte.

Dass diese Neuerscheinungen so geballt auftreten, hat mit der Logik des Marktes zu tun: Mitte September wird die Shortlist für den Schweizer Buchpreis bekannt gegeben, im Oktober findet die Frankfurter Buchmesse statt, bei der die Lizenzen verhandelt werden, da versuchen die Verlage jeweils die starken Autoren frühzeitig zu positionieren. Ist ein Buch gut angelaufen, hilft das fürs weltweite Übersetzungsgeschäft. Ausserdem können die starken Titel länger in den Verkaufsregalen liegen – bevor die nächsten Frühlingstitel auf den Markt drängen. Dann wiederholt sich das Spiel mit einem Peak im Februar, vor der etwas weniger bedeutenden Buchmesse Ende März in Leipzig.

Peter Bichsel hatte mit seiner Aussage vom «Aufbäumen» allerdings nicht die arrivierten Autoren im Blick, sondern die Debütanten. «Noch nie gab es so viele gute Autorinnen, sieben von zehn guten Neuerscheinungen stammen von jungen Frauen», sagte er weiter. Und er hat recht. Bei den Debüts, und vor allem bei den jungen Frauen zeigt sich, wie lebendig und experimentierfreudig die Schweizer Literatur ist – man denke etwa an Julia Weber, Martina Clavadetscher oder Meral Kureyshi. Sie alle waren mit ihren Erstlingen für den Schweizer Buchpreis nominiert. Und auch dieses Jahr gibt es ein herausragendes Buch einer Debütantin: Gianna Molinari steht mit «Hier ist noch alles möglich» bereits auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.

Für die neue Lebendigkeit der jungen Autorengeneration gibt es einen Grund: Das Schweizerische Literaturinstitut, das vor gut zehn Jahren in Biel ins Leben gerufen wurde. Die Schule zeichnet sich durch Mentorate aus. Weber, Kureyshi und Molinari besuchten die Schule, Gianna Molinaris Mentorin beispielsweise war Ruth Schweikert. Vor allem aber ist die Schule eine Drehscheibe, wo sich junge und etablierte Autoren begegnen, wo Literaturagenten, Verlegerinnen und Veranstalter hinschauen und in deren Umfeld auch neue Kleinverlage spriessen. Verdienstvoll sind ebenso Autorenkollektive wie «Bern ist überall» oder «Ajar» in der Westschweiz. Allerdings: Man wird noch sehen müssen, wie sich die neuen Autorinnen und Autoren beweisen. Dorothee Elmiger hat bereits einen erfolgreichen Zweitling vorgelegt, das von Meral Kureyshi für August angekündigte neue Buch wurde vorerst verschoben. Dass es gerade für Frauen eine Herausforderung ist, ihr Schreiben und allfällige familiäre Ansprüche aneinander vorbeizubringen, davon zeugt Milena Mosers spätes Durchstarten mit dem neuen Roman.

Aber doch, der drohende Tod. Wegbrechende Leser, wegbrechende Buchverkäufe, wegbrechende Rezensionen in den Kulturseiten der Zeitungen wegen fehlender Klicks: Die Hiobsbotschaften jagen einander. Fehlt der Resonanzraum, kann die literarische Qualität noch so florieren, das Publikum erfährt nichts davon. Subventionen für Verlage, Fördergelder für Literatur, Literaturpreise verlaufen im Sand. Auch innovative Kampagnen wie die für diesen Herbst geplante Charme-Offensive des Buchhändler- und Verlegerverbandes, das Lesen beliebt zu machen, drohen im Aufmerksamkeitsvakuum zu verpuffen.

Dass mit Capus, Moser, Hürlimann, aber auch mit Muschg und Stamm gleich mehrere etablierte Autoren so gute Bücher vorlegen, dürfte ein glücklicher Zufall sein. Wie Zugpferde vor den Karren gespannt, können sie jedoch die Botschaft ins In- und Ausland tragen: Die Schweizer Literatur lebt!

anne-sophie.scholl@azmedien.ch