Jede Stunde ein Zug in jede Richtung: So lautete die Devise, als die SBB im Jahr 1982 den Taktfahrplan einführten. Fortan fuhr die Eisenbahn in genau festgelegten und periodisch wiederholenden Abständen, die Wartezeiten beim Umsteigen verkürzten sich markant. An den meisten Bahnhöfen verkehren Züge und auch viele Busse unterdessen sogar alle 30 Minuten, der Taktfahrplan ist nicht mehr wegzudenken. Ohne ihn würde man «in die Steinzeit zurückfallen», glaubt gar die Organisation Pro Bahn. So gesehen befindet sich Deutschland noch in der Steinzeit – von ständigen Verspätungen gebeutelte Fahrgäste würden da wohl vorbehaltlos zustimmen. Im grossen Nachbarland verkehren die Züge nicht im Takt. Oft sind sie unpünktlich, Anschlüsse knapp zu erreichen. Allein im Juli dieses Jahres kam jeder vierte Fernverkehrszug zu spät an.

Doch nun könnte alles besser werden: Der «Deutschland-Takt» soll die Bahn retten. Das Verkehrsministerium in Berlin will sein Konzept dazu diesen Herbst vorstellen. Geplant ist die Einführung allerdings erst im Jahr 2030. Die Reisenden müssen sich also noch ein paar Jährchen gedulden. Als Vorbild des Taktfahrplans dient die Schweiz. Deutsche Medien werfen in diesen Tagen denn auch gerne einen Blick über die Grenze. Das Klischee des langsamen Schweizers stimme nur bedingt, schreibt die «Mitteldeutsche Zeitung». «Wenn es um den öffentlichen Personenverkehr geht, sind sie uns Deutschen meilenweit enteilt.» Der «Deutschlandfunk» fragt derweil: «Ist unsere Bahn bald so verlässlich wie die Schweizerische Bundesbahn?» Worte des Bedauerns äussert bloss die «Süddeutsche Zeitung». Im Bahnhof Biel entdeckte sie den alten, holzvertäfelten Wartesaal mit Gemälden des Künstlers Philippe Robert. Dieser sei jedoch ein reiner Anachronismus. «Denn in der Schweiz nutzt in der Regel kaum noch jemand einen Wartesaal.»

 sven.altermatt@azmedien.ch