Glamour mon amour

Die müde Frau Merkel

Auch Angela Merkel ist manchmal müde.

Auch Angela Merkel ist manchmal müde.

Ich war in Berlin und habe keinen einzigen Promi getroffen. Das ist seltsam, denn normalerweise tummeln die sich dort so dicht wie – sagen wir mal – Quallen vor Mallorca. Oder Aargauer in Zürich. Aber jetzt: nur normale Menschen in Berlin.

Nicht einmal auf dem Flug nach Berlin hatte ich ein berühmtes Gesicht entdeckt, und ich schwöre, in diesen Flugzeugen sind die grossen Namen sonst nie weit. Egal, ob man sie mag oder nicht. Sie sind einfach da. Erst neulich habe ich Alice Weidel von der AfD gesehen. Diese allerdings höchst ungern. Zu meinem Unmut hat sie ja ein Liebesleben in der Schweiz, sie tankt hier also entsprechend Kraft, um in Deutschland ihr himmelschreiend gesellschaftsvernichtendes Parteiprogramm durchzuziehen. Sie reiste Business-Class und versuchte, sich hinter einer verspiegelten Sonnenbrille zu verstecken, aber natürlich drehten sich alle Köpfe automatisch nach ihr um, ihr Profil, ihr Gesichtsausdruck, ihre Frisur, die ganze Gestalt waren aus den Medien schon allzu bekannt. Und auch wenn ihre Augen verborgen blieben, sie starrte uns andern alle böse nieder.

Ich dachte deshalb lieber an einen andern Flug, er liegt schon ein paar Jahre zurück, es gab damals die Swissair schon nicht mehr, dafür die Air Berlin immer noch, und ihr Fluggesellschafts-Song ging so: «Flugzeuge im Bauch, im Blut Kerosin. Kein Sturm hält sie auf, uns’re Air Berlin!» Nun ist der Ausdruck «Flugzeuge im Bauch» ein kulturhistorisch verbürgter, schliesslich gibt es ein Lied von Herbert Grönemeyer aus dem Jahr 1984 mit diesem Titel. Aber Kerosin im Blut? Von Goethe ist dies jedenfalls nicht. Der Air-Berlin-Flug, den ich meine, startete gegen 19 Uhr von einem Gate im abgelegenen Dock E in Kloten. Und zwar im Untergeschoss. Also vom hintersten, letzten und untersten Gate. Quasi dem schon halb kompostierten Kaffeesatz unter den Gates. Ich wartete neben dem Deutschlandkorrespondenten der Zeitung, für die ich gerade arbeitete.

Plötzlich wurde er nervös: «Siehst du die Frau da?» Und ich sah: In der langen Reihe vor dem Check-in stand Angela Merkel. Zusammen mit ihrem Mann. Beide waren müde, sie kamen von Wanderferien in Graubünden, so viel wusste ich aus den Medien. Angela Merkel lehnte sich gegen den Rücken ihres Mannes, er drehte sich liebevoll nach ihr um, sie trug schwarze, vom Bündner Wanderstaub ergraute Halbschuhe, deren Absätze deutlich abgetreten waren. Wenig später wurde sie zur Kanzlerin gewählt und war die wichtigste Frau der Welt. Aber davon war in der Schlange auf dem Kaffeesatz-Gate nichts zu merken, die Merkel war bloss eine müde, aber ganz offensichtlich mit ihrem Mann sehr glückliche Frau. Im Flugzeug setzten sich die beiden in die erste Reihe, waren zu allen freundlich, und das Personal schirmte sie die siebzig Minuten nach Berlin hingebungsvoll von uns andern ab. Sie waren an jenem Abend gewiss die bekanntesten Menschen, die den Flughafen Tegel verliessen. Und auf sehr einnehmende Art die normalsten.

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