Kolumne

Die Kunst, das Beste auf zweieinhalb Minuten zu kondensieren

Der Trailer zu «Der Weisse Hai» von Steven Spielberg in den 70er-Jahren war eher Zusammenfassung denn verlockende Vorschau.

Der Trailer zu «Der Weisse Hai» von Steven Spielberg in den 70er-Jahren war eher Zusammenfassung denn verlockende Vorschau.

Ich bin ein Newsjunkie – eine journalistischte Tugend und Bürde gleichermassen. Noch süchtiger bin ich nach Filmtrailern. Schon als Kind war eine meiner Lieblingssendungen die «Trailer Cinema Highlights» auf Star TV – quasi eine Endlosspule an Filmvorschauen. Ich achtete auch stets darauf, pünktlich zum Filmbeginn im Kinosaal zu sitzen, um ja keinen Trailer zu verpassen.

Heute gehe ich täglich auf die Website comingsoon.net, wo die ersten Filmausschnitte der kommenden Kinohighlights regelmässig aktualisiert werden. So kristallisieren sich für mich jeweils die persönlichen Favoriten heraus. Im ersten Halbjahr waren dies das Kriegsdrama «Dunkirk», die Superhelden-Neuauflage «Spiderman: Homecoming» und das Affe-versus-Mensch-Epos «Rise of the Planet of the Apes». Und für die zweite Jahreshälfte hat mich vor allem der Trailer zum US-Rassendrama «Detroit» von Regisseurin Kathryn Bigelow gepackt. Der Vorschau-Clip schafft es innert zweieinhalb Minuten, eine gewaltige Spannung zu kreieren.

Genau darum geht es aus Produzenten-Sicht bei den Trailern: Der Zuschauer soll innert kurzer Zeit emotional gepackt werden, damit er sich noch Monate später beim Kinostart an die Vorschau erinnert und nicht anders kann, als sich ein Ticket zu kaufen.

Laut einem Artikel des «Independent» war 1913 die Geburtsstunde des Trailers, als die Kinokette Loews eine Vorschau für das Broadway-Musical «The Pleasure Seekers» produzierte. Bis in die 50er-Jahre wurden die Hollywood-Trailer von einer nationalen Behörde kreiert, mit Ausnahme von Filmen von Alfred Hitchcock («Psycho») und John Ford («The Grapes of Wrath»), die schon damals die Fäden lieber in den eigenen Händen hielten und sich ihrer kommerziellen Bedeutung bewusst waren.

So richtig stylish daher kamen sie erst in den 60er-Jahren, wobei damals bereits im Trailer dem Publikum dramatische Story-Wendungen verraten wurden (heute als Spoiler bekannt). Auch der Trailer zu «Der Weisse Hai» von Steven Spielberg in den 70er-Jahren war eher Zusammenfassung denn verlockende Vorschau. Inzwischen sind die Trailer oftmals künstlerischer unterwegs. Die erste Vorschau auf das Horrordrama «Mother!» von Darren Aronofsky mit Jennifer Lawrence in der Hauptrolle zeigt nichts – man hört im Kinosaal nur verstörende Dialoge. «Dunkirk» kam hingegen ohne Dialoge aus, setzte in erster Linie auf die überwältigende Bildsprache.

Die besten Trailer erscheinen hingegen jeden Dienstagabend auf Youtube. Die «Honest Trailers» ziehen wöchentlich berühmte Filme durch den Kakao, von «Titanic» über «Independence Day» bis hin zu Disney-Klassikern wie «Beauty and the Beast». Sie erzählen voller Zynismus, worum es im Film wirklich geht, was funktioniert und was gar nicht. Zum Schieflachen – und Süchtigwerden.

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