Die Schweiz sei ein Volk von Nörglern und Kleinkrämern, das vor allem
Negatives und Probleme sehe. Das hat jener Mann gesagt, der 2007 die Geschicke des Multimilliardenprojektes Neat in die Hand nahm: Renzo Simoni, Chef der Bauherrin ATG. Heute sagt er, es habe ein Stimmungsumschwung im Land stattgefunden. Dass das stimmt, sah und spürte man ja auch während der Eröffnungsfeierlichkeiten des Gotthard-Basistunnels Anfang Monat. Allerdings finde ich, dass «nörgeln» und eine «kleinkrämerische Mentalität» ja nicht nur negativ besetzt sind. Es ist das gute Recht, kritische Fragen zu stellen. In einer direkten Demokratie sowieso. Besonders bei grossen Projekten. Und das soll so bleiben. Auch nach den Feiern und Festen. Die Verlagerungspolitik beispielsweise. Oder die Verlagerungsziele. Die Tourismusprojekte. Die wirtschaftliche Entwicklung rund um die neue Eisenbahnverbindung. Die Bergstrecke. Diskussionsstoff gibt es genug.

Gleichzeitig war aber rund um die Tunnel-Eröffnung auch zu hören, dass die Schweiz eigentlich selbstbewusster auftreten könnte. Der indische Wirtschaftswissenschafter Soumitra Dutta sagte kürzlich der Presse, die Schweiz sei zu scheu. «Generell scheint mir, dass Schweizerinnen und Schweizer eher zurückhaltend sind, wenn es darum geht, ihre Erfolge anzupreisen, gerade im Vergleich zu den Amerikanern.» Vielleicht liegt das Protzen, Prahlen, «Showen» (wie wir früher sagten) tatsächlich nicht so in der helvetischen DNA. Das Land setzt auf Debatte und Faktencheck, statt auf Werbespot-Rhetorik, auf das Abwägen von pro und kontra im Meinungsbildungsprozess statt auf laute PR-Feuerwerke.

Dok-Film als Gotthard-007-Trailer

Doch ich gebe zu, auch mir ist die Diskrepanz aufgefallen: Während die Schweiz sich jahrelang darüber ereiferte, ob man sich mit der Neat nicht übernommen habe, erschallten im Ausland bereits Lobeshymnen auf die Schweizer Ingenieurskunst. Symptomatisch dafür war ein Dokumentarfilm in den USA über herausragende Bauwerke. Darin herrschen Action, Pathos und Dramatik. Eine – wie wir sie aus Kino-Trailern kennen – tiefe, tiefe Bassstimme sagt, die Schweiz sei daran, etwas zu schaffen, was zuvor noch nie jemand geschafft habe. Die Schweiz versuche etwas, was noch nie jemand versucht habe. 1 Superlativ alle 6 Sekunden. Der Tunnelbau, zu diesem Zeitpunkt notabene noch unvollendet, als Gotthard-007-Trailer.

Nun ja. Ganz überraschend ist das nicht. Oft ist die Aussensicht weit weniger kritisch als die
Innensicht (Banken, Steuer- und andere Fragen mal ausgenommen). Zudem hat es doch auch einen gewissen Unterhaltungswert, wenn wir schauen, wie unser Land bisweilen im Ausland wahrgenommen wird. In einem weiteren Dokumentarfilm, diesmal wurde er im brasilianischen Fernsehen ausgestrahlt, erzählt die bekannte Reporterin einem Millionenpublikum, die Schweiz sei zu schön, um wahr zu sein. Die Schweiz funktioniere «wie ein perfektes Uhrwerk» (im Bild Uhren), «überall am Horizont sind Kirchen zu sehen» (im Bild Kirchen), «die Landschaften sind wie gemalt» (im Bild Appenzell), das «Weiss der Berge steht in perfekter Harmonie mit dem Grün der Natur» (ein besserer Werbespruch wäre wohl sogar für Schweiz Tourismus zu kitschig) – Aber es kommt noch besser. Die Reporterin weist darauf hin, dass in jedem Schweizer Park Alphornklänge zu hören seien (im Bild Alphornspieler in einem Park).

Die Wahrheit liegt mittendrin

Eine perfekte Idylle. Wenn auch nicht ganz richtig. Es sei denn, ich würde mich immer in den falschen Parkanlagen aufhalten. Aber sicher ist auch das Gegenteil, das Bild der Schweiz als einig Volk von Nörglern, falsch. Die Wahrheit liegt wohl mittendrin. Fragen stellen: ja. Bedenken haben: ja. Aber vielleicht auch applaudieren, wenn es darum geht die Leistung der Macher und Bauer eines Gotthardtunnels zu würdigen.

Übrigens. Bei aller Bewunderung im Ausland für die Schweiz: Es kann passieren, dass diese übers Ziel hinausschiesst. In US-Medien erschien am Tag der Gotthard-Eröffnung jedenfalls ein Bild mit beiden Tunnelportalen. Links stand «Erstfeld: Germany» und bei der rechten Röhre stand «Bodio: Italy» – Nun ja, die Schweiz kann viel. Aber einfach einen grenzüberschreitenden Drei-Länder-Tunnel zu graben und Eisenbahnschienen von Deutschland via Schweiz direkt bis nach Italien zu verlegen, nein, das übersteigt selbst die kühnsten Vorstellungen. Ein Weltrekordtunnel reicht fürs Erste bestens.

Die Autorin wurde in Villmergen geboren und arbeitet seit 2001 beim Schweizer Fernsehen. Sie hat das Nachrichtenmagazin «10 vor 10» moderiert und ist jetzt beim Politmagazin «Rundschau».