Stein des Anstosses

Die grosse und traurige Stadt: Erinnerungen eines Schriftstellers an «sein» London

Der Londoner Piccadilly Circle in den 60er-Jahren: jener Zeit, als Mario Vargas Llosa in der Weltstadt lebte.

Der Londoner Piccadilly Circle in den 60er-Jahren: jener Zeit, als Mario Vargas Llosa in der Weltstadt lebte.

Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa ist einer der führenden lateinamerikanischen Romanciers und Essayisten. 2010 gewann er den Nobelpreis für Literatur. Für die spanische Zeitung «El País» schreibt Vargas Llosa eine Kolumne unter dem Titel «Stein des Anstosses» – die «Schweiz am Wochenende» bringt sie exklusiv auf Deutsch.

Nach London war ich zum ersten Mal im Jahr 1967 gekommen, um am Queen Mary’s College zu unterrichten. Es war eine Entdeckung für mich, dass mir das Unterrichten gefiel und auch nicht schlecht zu gelingen schien. Es wurde mir zur Gewohnheit, viel zu lesen. Zum Beispiel Domingo Faustino Sarmiento (1811–1888), den Schriftsteller, der später Präsident von Argentinien war. Sarmientos Essay über den Gaucho «Facundo Quirogacuyo» gehört seit jener Zeit zu meinen bevorzugten Büchern.

London zu jener Zeit unterschied sich sehr von Paris, wo ich die sieben Jahre zuvor gelebt hatte. In Paris sprach man vom Marxismus und von der Revolution, davon, Kuba zu verteidigen gegen die Bedrohungen des Imperialismus. Es gelte, die bürgerliche Kultur zu beenden und sie zu ersetzen durch eine andere, universelle, worin sich jede Gesellschaft vertreten fühlen könne. In Grossbritannien interessierte sich die Jugend nicht für politische Ideen; die Musik wurde zur vorherrschenden Kraft der Kultur. Es waren die Jahre der Beatles und der Rolling Stones, des Marihuana und der extravaganten schrillen Kleidung, der bis auf Schulterhöhe getragenen langen Haare. Ein neues Wort kam auf und ging ins weltweite Vokabular ein – die Hippies.

Nach meinen ersten sechs Monaten in London mietete ich, ohne das wirklich zu wollen und zu erkennen, ein kleines Haus im Zentrum des Hippie-Universums: Philbeach Gardens, am Earl’s Court. Die Leute waren in guter sympathischer Stimmung. Ich erinnere mich an die überraschende Antwort einer jungen Frau auf meine Frage, warum sie barfuss herumlaufe: «Um mich ein für alle Mal meiner Familie zu entledigen!»

An allen freien Schulnachmittagen hielt ich mich im Lesesaal der British Library auf, damals noch situiert im Britischen Museum, wo ich meinen dritten Roman schrieb («Gespräch in der Kathedrale») und Edmund Wilson las, George Orwell oder Virginia Woolf, schliesslich auch William Faulkner und James Joyce auf Englisch. Ich hatte viele Bekannte, aber nur wenige Freunde. Unter ihnen die Schriftsteller Hugh Thomas und Guillermo Cabrera Infante, die zufälligerweise wenige Meter von meinem Haus entfernt wohnten. Im darauf folgenden Jahr wechselte ich ans King’s College, das sehr viel näher lag, wo ich mehr Arbeit bekam, aber auch ein höheres Gehalt.

In jenen Jahren entwickelte ich viel Zuneigung und Bewunderung für England. Ich streifte den Sozialisten ab und wurde Grad um Grad zu jenem Liberalen, den ich heute noch zu sein versuche. Dieses Gefühl für England verstärkte sich noch einige Zeit später, im Zug jener aussergewöhnlichen Vorkehrungen, die Margaret Thatcher als Premierministerin traf. Zu jener Zeit beschäftigte ich mich mit Friedrich August von Hayek (1899–1992), dem österreichischen Sozialphilosophen, mit Karl Popper (1902–1994) und Isaiah Berlin (1909–1997), vor allem aber mit Adam Smith (1723–1790), dem schottischen Philosophen und Begründer der klassischen Nationalökonomie.

Ich reiste nach Kirkcaldy, wo Adam Smith sein Hauptwerk geschrieben hatte: «Wohlstand der Nationen – Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen». Von seinem Haus war nur noch ein Stück Mauer übrig geblieben, versehen mit einer Hinweistafel; im lokalen Museum zeigten sie lediglich eine Pfeife und eine Schreibfeder. In Edingburgh hingegen konnte ich einen Blumenkranz niederlegen in der Kirche, wo Smith begraben liegt. Ich wandelte durch jenes Viertel, wo ihn die Nachbarn seiner Zeit während der letzten Lebensjahre herumstreunen sahen, zerstreut, getrennt von der Welt, mit sonderbaren Dromedarschritten, eingesponnen von seinen Gedanken.

In meiner einstigen Londoner Wohnstatt, Ende der Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts, gab es keinen Fernseher, jedoch ein Radio. Wir gingen nur einmal aus pro Woche, jeweils am Samstagabend ins Kino oder ins Theater. Aber allen Engpässen zum Trotz waren wir ziemlich glücklich. Möglicherweise wären wir, ohne dass es Carmen Balcells gegeben hätte, die literarische Agentin für Autoren aus Spanien und Lateinamerika, für immer in London geblieben. Und meine beiden Söhne wie auch die Tochter wären alle drei Engländer. In dem Fall, da bin ich mir ganz sicher, hätte ich mich immer gegen den Brexit ausgesprochen und mich aktiv engagiert im Kampf gegen diese beispiellose Verirrung.

Im Kings’ College war das Verhältnis sehr gut zu meinem Vorgesetzten, dem Geschichtsprofessor Jones. Am Ende des akademischen Jahres schlug Jones mir vor, für einen Dozenten in Cambridge einzuspringen, der auf Urlaub war. Diesen Posten nahm ich an. Zur gleichen Zeit klopfte – wie ein Wirbelwind, der alles durcheinanderbrachte – Carmen Balcells an meine Tür.

Wir waren einander in Barcelona schon begegnet. Bei jener Gelegenheit erklärte sie mir, dass sie für mich die Autorenrechte vertreten und Übersetzungen meiner Werke im Ausland suchen könne. «Was machst denn du in London?», fragte ich jetzt. «Dich besuchen», antwortete Carmen. «Ich möchte, dass du sofort deine Stelle an der Universität kündigst und auch abschliesst mit England. Ihr alle müsst nach Barcelona kommen und euren Lebensmittelpunkt fortan dort einrichten. Ich versichere dir, du könntest von deinen Büchern leben; ich kümmere mich darum.»

Wahrscheinlich brach ich in Gelächter aus und fragte noch, ob sie verrückt geworden sei? Von meinen literarischen Tantiemen zu leben, erschien mir damals als töricht, da es mich jeweils zwei bis drei Jahre kostete, einen Roman zu schreiben. Diese Zeit zu verkürzen auf vielleicht ein halbes Jahr pro Buch, um meine Familie zu ernähren, würde meine Literatur unweigerlich unleserlich machen. Was ich zur damaligen Zeit noch nicht wusste, war, dass man Carmen, wenn sie sich mal etwas in den Kopf gesetzt hatte, absolut Folge leisten musste, oder man hätte sie töten müssen; es gab dazwischen keine anderen Optionen. Ich erinnere mich, wie wir stundenlang diskutierten, wie sie mir erzählte, dass Gabriel García Márquez bereits in Barcelona sei und von seinen Büchern lebe, dass sie, um ihn davon zu überzeugen, bis nach Mexiko gefahren sei. Darum bleibe sie auch in meinem Haus sitzen, bis ich einschlagen würde in ihren Plan.

Carmen ermüdete mich, und dann besiegte sie mich. Noch am gleichen Tag besuchte ich Professor Jones, um ihm mitzuteilen, dass ich nach Barcelona ginge und dort von meinen Büchern zu leben gedenke. Jones war ein gut erzogener Mann; er sagte mir nicht, dass ich ein Schwachkopf sei, aber ich sah in seinen Augen, dass er es dachte.

Ich bereue freilich in keiner Weise, Carmen Balcells Plan gefolgt zu sein, denn die fünf Jahre, die ich danach in Barcelona verbrachte, zwischen 1970 und 1974, waren wunderbar. Barcelona entpuppte sich, hauptsächlich dank meiner Agentin Carmen und Carlos Barral, dem Verleger, als Hauptstadt der lateinamerikanischen Literatur für eine gute lange Zeit. Dorthin reisten und trafen sich, missverstanden sich auch spanische und hispano-amerikanische Schriftsteller, die sich seit dem Spanischen Bürgerkrieg den Rücken zugedreht hatten. Alle jene, die diese Jahre in der mediterranen Stadt erlebt hatten, werden den Enthusiasmus nie vergessen, mit dem wir das Ende der Diktatur nahen fühlten und die bestärkenden Empfindungen zu wissen, dass in einer neuen demokratischen Gesellschaft die Kultur eine fundamentale Rolle spielen würde. Du meine Güte, welche Träume voller Opiate!

Noch hat Spanien die Bedeutung von Carmen Balcells nicht in dem Mass gewürdigt, das ihr zustehen würde. Sie hatte ganz allein entschieden, dass Barcelona mit seinen grossartigen Verlagen, mit seiner Hochkultur und Traditionen viele lateinamerikanische Schriftseller anziehen und beherbergen sollte, damit sie sich mit ihren spanischen Kollegen auseinandersetzten, anfreundeten, um die Kultur einer Sprache auf einem Territorium zu vereinen. Die Verlage, angefangen bei Carlos Barral, gingen Schritt um Schritt darauf ein. Wie mich installierte Carmen weitere Schreiber in Barcelona, wohin bald auch zahlreiche junge Südamerikaner zogen, weil sich in Barcelona davon fantasieren liess, Geschichten zu erzählen, malen und zu komponieren.

Seit dem Brexit hingegen trübte sich England ein in meiner Erinnerung; ich fühlte mich tief enttäuscht, wie im Stich gelassen. Doch in diesen Tagen treten mir, nicht ohne Nostalgie, jene Jahre wieder vor Augen, die ich in London verbracht hatte, so deutlich, dass ich – einmal mehr – jenem brasilianischen Dichter widerspreche, an dem Jorge Edwards, der chilenische Diplomat und Schriftsteller, so viel Gefallen findet; jener Poet, der London eine «grosse und traurige Stadt» nannte und dann zu sich selber sagt: «Dort warst du traurig und bis noch trauriger wiedergekommen.»

ÜBERSETZUNG: MAX DOHNER

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