Aus der EU wollen die Briten aussteigen. Ausgerechnet an China, das es derzeit wie kaum eine andere grosse Volkswirtschaft bestens versteht, seine Märkte nur so weit zu öffnen, wie es dem eigenen Land Vorteile bringt, will sich die britische Premierministerin anbiedern. Auf ihrer insgesamt dreitägigen China-Reise wirbt Theresa May derzeit um ein Freihandelsabkommen mit der Volksrepublik.

Es gebe «vieles, was im Handelsbereich gemacht werden kann», sagte May im Anschluss an ein Treffen mit Chinas Premierminister Li Keqiang. Geradezu flehentlich bat sie um mehr Zugang für britische Unternehmen zur zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt. Im Schlepptau ihrer Regierungsdelegation: 50 britische Unternehmer.

Die Erwartungen, die nicht zuletzt ihre eigene Partei an sie hat, sind gross. Vor dem Hintergrund des Brexit muss sie so schnell wie möglich anfangen, mit dem Rest der Welt über künftige Handelsbeziehungen zu verhandeln. Neben den USA und den Commonwealth-Staaten setzt die britische Premierministerin vor allem auf China.

Sie war in den letzten zwei Tagen in Peking sichtlich darum bemüht, den KP-Führern Honig ums Maul zu schmieren. Von einer «goldenen Ära» zwischen ihrem Land und China sprach sie. Kritik an diesem Vorgehen wischt sie beiseite. Für sie sei das keine Anbiederung, sondern der Start zur Gestaltung einer eigenständigen Aussenhandelspolitik – so wie es die Brexit-Befürworter gefordert haben.

Viel weniger Handel als etwa mit Deutschland

Das Potenzial der inzwischen zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt ist sicherlich gross. Und Grossbritannien strahlt eine enorme Attraktivität vor allem für viele wohlhabende Chinesen aus. Doch das wirkt sich vorwiegend im Tourismus aus und in steigenden Immobilienpreisen in London, wovon die meisten Briten nur wenig haben – oder gar darunter leiden.

Der tatsächliche Handel zwischen beiden Ländern stockt seit Jahren. Grossbritannien verschifft gerade einmal rund drei Prozent seiner Exportgüter nach China. Sieben Prozent der Importe kommen aus der Volksrepublik. Der gesamte Handel beziffert sich auf derzeit 84 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: Deutschlands Handel mit China liegt bei 211 Milliarden Dollar.

Und die Handelsbilanz mit China dürfte für Grossbritannien in der nächsten Zeit nicht besser werden. Mehr als jemals zuvor in den letzten zwei Jahrzehnten schottet die chinesische Führung Schlüsselbereiche ihrer Wirtschaft vor ausländischen Investoren ab.

Zur gleichen Zeit gehen chinesische Unternehmer mit kräftiger staatlicher Unterstützung weltweit auf Einkaufstour. Und auch die Markteintrittschancen für ausländische Unternehmen sind wieder schwieriger geworden. Die Internetzensur in China dient nicht zuletzt dazu, Google, Facebook und Amazon aus dem Land zu halten. Das fördert die eigene IT-Industrie.

Eigentlich müsste es politische Differenzen geben

Zugleich gibt es zwischen London und Peking auch grosse politische Differenzen – oder genauer gesagt: Es müsste sie geben. Das in China übliche brutale Vorgehen gegen Dissidenten, Anwälte, Blogger und andere Kritiker lässt die Führung in Peking zunehmend auch in der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong anwenden.

Bei der Rückgabe der südchinesischen Wirtschaftsmetropole an die Volksrepublik 1997 hatte Chinas Regierung grosse Versprechen gemacht, Hongkong sollte für weitere 50 Jahre demokratische Freiheiten geniessen. Dazu gehören Presse- und Meinungsfreiheit. Das Land, das diese Vereinbarung garantieren sollte: Grossbritannien.

Doch seit einigen Jahren werden diese Rechte in Hongkong immer stärker beschnitten. Kritische Buchhändler werden aufs chinesische Festland verschleppt. Demokratieaktivisten, die an den Protesten vor drei Jahren teilnahmen, werden zu überzogenen Strafen verurteilt.

Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International oder Human Rights Watch fürchten um die zugesicherte Unabhängigkeit der Sonderverwaltungszone. May hat zugesichert, Pekings härteren Kurs gegen Demokratieaktivisten in Hongkong zur Sprache zu bringen.

Sich aus wirtschaftlichen Gründen anbiedern, politisch aber Klartext reden – schon einmal hatte ein britischer Premierminister einen solchen Spagat gewagt – und sich letztendlich zum Affen gemacht: Theresa Mays Amtsvorgänger David Cameron. In seinem ersten Amtsjahr hatte er noch den Dalai Lama empfangen.

Als er dann von der chinesischen Führung ein Jahr lang mit Nichtbeachtung bestraft wurde, kam Cameron nach Peking auf Knien angekrochen – so oft verbeugend, dass selbst die chinesischen Staatsmedien das lustig fanden. Die Handelsbilanz ist für Grossbritannien schlecht geblieben.