Wochenkommentar

Die Firmen stehen in der Pflicht – nicht der Staat

Seit fünf Jahren steigt die Zahl der Stellensuchenden in der Alterskategorie Ü50 von 45'000 auf inzwischen fast 60'000 Betroffene. (Symbolbild)

Seit fünf Jahren steigt die Zahl der Stellensuchenden in der Alterskategorie Ü50 von 45'000 auf inzwischen fast 60'000 Betroffene. (Symbolbild)

In seinem Wochenkommentar schreibt «Nordwestschweiz»- und «Schweiz am Wochenende»-Chefredaktor Patrik Müller über die Zunahme der Arbeitslosigkeit bei über 50-Jährigen.

Arbeitslosigkeit war in der Schweiz jahrzehntelang kaum ein Thema. Unser Land wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem einzigartigen Job-Paradies: Bis zu Beginn der 1990er-Jahre herrschte Vollbeschäftigung, die Arbeitslosenquote pendelte zwischen 0,2 und 0,5 Prozent.

Weil das Risiko, die Stelle zu verlieren, sehr klein war, schloss auch nur ein kleiner Teil der Arbeitnehmer eine Arbeitslosenversicherung ab (sie war freiwillig). In Krisenzeiten – etwa nach den Erdölpreis-Schocks in den 70er- und 80er-Jahren – näherte sich die Arbeitslosenquote vorübergehend der 1-Prozent-Marke; das galt damals bereits als dramatisch.

Im Zuge der Immobilien- und Konjunkturkrise 1991 änderte sich das. Auf einmal waren mehr als 4 Prozent ohne Job. Danach sank die Quote wieder, doch unter 3 Prozent scheint sie auch in wirtschaftlich guten Phasen wie der jetzigen nicht mehr zu fallen.

Im internationalen Vergleich lässt sich diese Quote sehen, aber der Beschäftigungssonderfall Schweiz gilt nur noch bedingt: Die benachbarten Wirtschaftsregionen Bayern und Baden-Württemberg, Vorarlberg und Lombardei weisen ähnlich tiefe Raten aus.

Ohnehin sind Zahlen das eine, die Wahrnehmung das andere. Im jährlich erhobenen «Sorgenbarometer» gehört die Arbeitslosigkeit konstant zu den drei grössten Sorgen der Bevölkerung (nebst den Ausländern und der Altersvorsorge). Trotz der statistisch guten Werte, die vom Staatssekretariat für Wirtschaft immer wieder hervorgehoben werden.

Dass es unter der Oberfläche gärt, zeigte sich in den vergangenen Monaten, als scheinbar aus dem Nichts die wachsende Arbeitslosigkeit bei den sogenannt älteren Arbeitnehmern zum Thema wurde; als «älter» gilt man hier bereits ab 50.

Seit fünf Jahren steigt die Zahl der Stellensuchenden in dieser Alterskategorie, von 45'000 auf inzwischen fast 60'000 Betroffene. Der Bund beschwichtigt, die Lage sei für die Ü50 ganz gut, und die Stellensuchenden seien auch darum zahlreicher geworden, weil es immer mehr ältere Menschen gebe.

Das stimmt, doch Tatsache ist auch, dass die Arbeitslosenquote ab 50 Jahren leicht gestiegen ist, während sie bei den Jüngeren etwas abgenommen hat. Die Statistiken zeigen zudem, dass ältere Arbeitnehmer nach einer Entlassung deutlich länger suchen müssen, bis sie wieder eine Stelle haben.

Dass sich nächste Woche Arbeitgeber, Gewerkschaften und der Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann zur dritten «Nationalen Konferenz zum Thema ältere Arbeitnehmer» treffen, zeigt, dass das Problem endlich erkannt wurde. Die bisherigen Konferenzen brachten keine nennenswerten Resultate.

Das ist in einem Punkt sogar gut: Die immer lauteren Forderungen von links, den Kündigungsschutz für über 50-Jährige auszubauen, sind kontraproduktiv. Firmen werden sich zweimal überlegen, ältere Arbeitnehmer einzustellen, wenn sie nur noch erschwert entlassen werden können. Auch eine andere Regulierungs-Idee ist unnütz: Ein Verbot von Altersangaben in Stellenanzeigen würde mitnichten dazu führen, dass Ältere im Bewerbungsverfahren bessere Chancen hätten. Zudem enthalten laut «NZZ» nur noch 3,6 Prozent aller Stellenanzeigen eine Altersobergrenze.

Den Tabu-Themen ist die Konferenz bislang ausgewichen: Ist es beispielsweise richtig, dass Arbeitnehmer für die Firmen immer teurer werden, je älter sie sind – was die Löhne wie die Sozialbeiträge betrifft? Oft ist genau das der Grund, warum ältere Bewerber benachteiligt sind. Hier wären kreative Ideen der Sozialpartner gefragt.

Überhaupt: Die Lösung kann nur über Arbeitgeber und Gewerkschaften führen, nicht über den Staat. Was gesetzliche Einschränkungen des Arbeitsmarkts bewirken, lässt sich in Frankreich beobachten, wo dieser so verkrustet ist, was für jüngere wie ältere Arbeitslose den Wiedereinstieg enorm schwierig macht.

Die Unternehmen stehen in der Pflicht, Älteren eine Chance zu geben. Viele Firmen verhalten sich aber ganz anders. Hellhörig machte diese Woche eine Umfrage des Schweizer Radios und Fernsehens bei den 15 grössten börsenkotierten Unternehmen: Sie haben im vergangenen Jahr überdurchschnittlich oft Schweizer Angestellte abgebaut und gleichzeitig mehr Ausländer eingestellt.

Der Verdacht liegt nahe: Auch nach Annahme der Masseneinwanderungsinitiative suchen viele Unternehmen nach der schnellsten und günstigsten Möglichkeit. Statt das inländische Potenzial auszuloten (Frauen und eben auch Ältere), bedienen sie sich im riesigen Pool der EU-Arbeitskräfte.

Das ist Gift für die liberale Schweizer Wirtschaftsordnung. Nehmen die Unternehmen ihre Verantwortung nicht wahr, wird früher oder später die Politik eingreifen und den Arbeitsmarkt regulieren. Reformen der Renten- und Sozialsysteme wiederum, die unabdingbar sind, werden es in Volksabstimmungen schwer haben. Noch ist es nicht zu spät, umzudenken.

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