Wer nichts sagt, macht keine Fehler. Und da wir in unserem Schulsystem meist immer noch nach Fehlern bewertet werden, ist es oft klug, in der Schule nichts zu sagen. Wer dann dank seines beharrlichen Schweigens gut durch die Schulzeit gekommen ist, kann später privat und beruflich so weitermachen. Auch an den meisten Arbeitsplätzen gilt nämlich, dass diejenigen, die am wenigsten sagen, letztlich am wenigsten Fehler machen und deswegen beliebt sind.

Natürlich gibt es Berufe, bei denen es unmöglich ist, nichts zu sagen. Moderatoren zum Beispiel, die müssen immer etwas sagen, was wiederum dazu führen kann, dass sie Fehler machen. Aber offenbar gibt es sogar unter Moderatoren solche, die es schaffen, wenig Fehler zu machen.

Das merkte ich neulich, als ich an einem Fest am Stand eines Medienunternehmens hörte, wie eine Standbesucherin einen dort anwesenden Moderator rühmte. «Sie sind mein liebster Moderator, denn sie sind klar der Beste ihres Senders!», machte die Frau dem verdutzten Mann ohne lange Vorrede klar.

Er lächelte leicht verlegen und wollte abwiegeln. Wer die oder der Beste sei, sei ja immer auch ein bisschen Geschmackssache, gab er zu bedenken. Aber die Dame duldete keine Widerrede: «Nein, das sage ich Ihnen nicht aus Sympathie, das sage ich ganz objektiv. Sie sind einfach besser als alle ihre Kolleginnen und Kollegen, weil sie in der Mundart keine Fehler machen!», stellte sie klar. Und um die Stille, die sich auszubreiten begann, sofort zu vertreiben, begann sie die langweilige Aufzählung aller Mundartblockwarte, die ewige Jeremiade all jener, die einem immer und überall und unaufgefordert erklären können, was mundartlich falsch ist und was richtig. Die ganze, immer gleiche, immer langweilige Leier gegen hochdeutsche Lehnwörter, gegen Anglizismen, die in der Mundart nichts zu suchen hätten, gegen den fehlerhaften Gebrauch des Zahlworts «zwei» («zwe», «zwo», «zwöi») und gegen den schleichenden Verlust wohlklingender Ausdrücke.

Der Moderator, dem die Angelegenheit immer peinlicher wurde, hielt Ausschau nach anderen Standbesuchern, die den Monolog der Frau vielleicht ein wenig würden abfedern können. Und tatsächlich näherte sich ein älterer Herr, der auch ein wenig aussah, wie einer, der gerne über den Zerfall der Mundart lamentiert. Als die Frau sah, dass der neue Standbesucher ihr auch zuhörte, fokussierte sie ihre Rede nicht mehr nur auf ihren Lieblingsmoderator, sondern auch auf den älteren Herrn. Da der neue Zuhörer aber nur zuhörte und weder beifällig noch ablehnend dreinschaute, wusste die Fehlersucherin nicht, ob er inhaltlich auf ihrer Seite war oder nicht. Ob ihm denn nicht auch auffalle, wie gerade auch in den elektronischen Medien die Mundart in beängstigendem Tempo verludere.

Der Mann stimmte nickend zu. Ja, sagte der ältere Herr, ihm falle das manchmal auch auf. Was er denn dazu sage, fragte die Frau. Oder ob er nichts dazu zu sagen habe. Oh, doch, meinte der Mann, er sage sich einfach: «Shit happens!»