Wochenkommentar

Die FDP und ihre Kröte: Der Aargauer Wahlkrimi könnte spannender nicht sein

Fery, Bally und Roth: Die drei Regierungsratskandidatinnen für den zweiten Wahlgang.

Fery, Bally und Roth: Die drei Regierungsratskandidatinnen für den zweiten Wahlgang.

Wochenkommentar über den 2. Wahlgang der Aargauer Regierungsratswahlen vom 27. November.

Der Wahlkrimi könnte spannender nicht sein. Je ungefähr ein Drittel der Aargauerinnen und Aargauer wählt links, Mitte und rechts. Deshalb haben alle drei Regierungsratskandidatinnen eine reelle Chance, am 27. November den fünften Sitz zu holen: Yvonne Feri (SP), Maya Bally (BDP) und Franziska Roth (SVP).

Verantwortlich für diese Konstellation ist die grüne Regierungsrätin Susanne Hochuli. Mit ihrer überraschenden und späten Rücktrittsankündigung Ende Juli hat sie die SVP auf dem linken Fuss erwischt. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Partei ihre Kandidatin längst nominiert. Und weil die SVP nicht mit einer Vakanz, sondern mit einer aussichtslosen Kampfwahl rechnete, wollte sie kein Schwergewicht verheizen – und setzte auf Franziska Roth, eine seriöse Richterin ohne politische Erfahrung und Dossierkenntnisse. Wer will, dass die 32-Prozent-Partei SVP künftig 40 Prozent der Regierungsräte stellt, der soll Roth auf den Wahlzettel schreiben. Alle anderen sollten sich ein paar Gedanken mehr machen.

Und wer vor allem will, dass die Regierung bürgerlich ist, der kann aufschreiben, wen er will – die Regierung wird so oder so bürgerlich sein, entweder im Verhältnis 3:2 wie bisher oder neu 4:1. Der Wähler kann sich getrost den echten Kriterien zuwenden: der Persönlichkeit, der politischen Erfahrung und der Fähigkeit, Allianzen zu schmieden, um den Kanton vorwärtszubringen.

Yvonne Feri wäre wohl eine fähige Regierungsrätin. Als Gemeinderätin, Grossrätin und Nationalrätin hat sie sich auf drei politischen Ebenen profiliert. Ihr Versuch, sich als Mitte-Politikerin, ja als neue Pascale Bruderer zu positionieren, klingt zwar ziemlich abenteuerlich. Doch die Angst der Bürgerlichen vor Feri könnte sich im Fall einer Wahl als unbegründet herausstellen. Man denke nur an Urs Hofmann: Er war als kämpferischer Gewerkschafter gefürchtet, heute ist er ein pragmatischer Regierungsrat und wurde mit dem besten Resultat wiedergewählt.

Die CVP wartet auf ein Zeichen des Herrgotts

Trotzdem gibt es viele Wähler in der Mitte, die weder Feri noch Roth wollen. Für sie wird Maya Bally zur Rettung. Zum Glück hat sie den Mut aufgebracht, für den zweiten Wahlgang anzutreten! Sie steht für liberale, bürgerliche Werte, sie bringt Führungserfahrung aus Wirtschaft und Politik mit. Wäre sie Mitglied von FDP oder CVP – die politische Mitte würde sie mit wehenden Fahnen unterstützen. Jetzt aber moniert sie, Bally gehöre einer Minipartei an. Ja, und? Im Regierungsrat braucht es keine Parteisoldaten, sondern Persönlichkeiten. Die Jung-CVP hat das erkannt und Bally sofort ihre Unterstützung zugesagt («Maya Bally ist die einzig richtige Wahl für den offenen Sitz im Regierungsrat»). Die CVP-Mutterpartei hingegen ist noch immer am Lavieren und will erst am Montag entscheiden – weiss der Herrgott, was es da noch zu überlegen gibt: 49 Prozent der CVP-Wähler haben im ersten Wahlgang für Bally gestimmt, nur 6 Prozent für Roth.

Die FDP ändert bei jeder Gelegenheit ihre Meinung

Noch absurder ist die «Strategie» der FDP. Im April stellte Parteipräsident Matthias Jauslin der SVP einen Blankocheck aus. «Falls zwei Sitze zu besetzen wären, akzeptieren wir den Anspruch der SVP auf einen zweiten Regierungsratssitz», sagte er. Dann brach die FDP ihr Wort und versagte Roth die Unterstützung. Jauslin erklärte das der «NZZ» so: «Ihr
politisches Profil vermag nicht zu überzeugen. Unsere Basis wird Franziska Roth schwerlich wählen.» Ganz so, als sei es eine Überraschung, dass die SVP eine Frau mit SVP-Profil aufgestellt hat.

Jetzt steht der zweite Wahlgang an, Roth ist immer noch dieselbe Roth, und die FDP ändert ihre Meinung erneut. Sie unterstützt Roth jetzt doch, damit der Sitz bürgerlich bleibe. «Diese Kröte müssen wir schlucken», sagte alt Regierungsrätin Stéphanie Mörikofer ziemlich despektierlich. Vermutlich erleben wir hier den Ausläufer von Arroganz einer einst staatstragenden Partei, die zwar nur noch 16 Prozent Wähleranteil hat, sich aber noch so gebärdet, also könne sie anordnen, wie es zu geschehen habe.

«Wird Bally die neue Widmer-Schlumpf?» So titelte der Zürcher «Tages-Anzeiger» – und trifft einen guten Punkt. Denn wieder geht es um die BDP. Und da verspüren FDP und CVP Futterneid. Sie wollen einer bürgerlichen Politikerin einer kleinen Partei nicht zum Erfolg verhelfen.

Ihnen wäre es recht, wenn die BDP rasch wieder verschwinden würde. Doch was war Widmer-Schlumpf? Eine fähige, beliebte, bürgerliche Bundesrätin. Eine solche Regierungsrätin würde wohl auch Bally. FDP und CVP aber haben offensichtlich nicht die Interessen des Kantons vor Augen, sondern nur ihre eigenen.

Zum Glück denken die Wähler eigenständig. Sie werden diejenige Kandidatin wählen, die sie überzeugt – unabhängig davon, welche Pirouetten die Oberstrategen von FDP und CVP gerade vollziehen.

christian.dorer@azmedien.ch

Autor

Christian Dorer

Christian Dorer

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