Vom Judas der Bibel über Brutus bis zum Landesverräter Ernst S.: Verrat gilt als das schlimmste Verbrechen der Menschheit, schlimmer als Mord und schlimmer als Steuerhinterziehung sowieso. In den Augen der Betrogenen ist der Verrat so verabscheuungswürdig, weil er auf perfide Weise ein Vertrauensverhältnis zerstört. Der Verräter agiert im Verborgenen, er plant seine Tat mit Hinterlist und fällt dem Opfer in den Rücken. Verrätern sprach man deshalb immer besonders niedrige Instinkte zu.

In ideologisch fundierten Gesellschaften gedieh der Verräter am besten – wer nicht spurte, konnte rasch zum «Volksverräter» werden. Als Mittel der Diffamierung scheint das Kraftwort «Verräter» auch heute wieder in Mode zu kommen. In Deutschland musste sich die Ex-Grünen-Politikerin Elke Twesten vor einigen Wochen aufgrund ihres Parteiwechsels den Vorwurf des Verrats anhören. Verräter aber auch hierzulande: Wer für die Rentenreform sei, «verrate» die Jungen, behaupten die Abstimmungsgegner.

Beide Fälle haben mit Verrat nichts zu tun. Es geht um die grundsätzliche Freiheit, anderer Meinung zu sein – oder seinen Standpunkt zu ändern. Wer in diesem Zusammenhang gleich von Verrat spricht, diskreditiert die Meinungsfreiheit. Zum Glück sind diese Zeitgenossen leicht erkennbar – ihre Wortwahl verrät sie.