Das Verhalten hat System. In der Aufarbeitung des Postauto-Skandals versuchen die Spitzenleute der Post, möglichst viel Distanz zwischen sich und den schockierenden Befunden rund um den Subventionsbetrug zu schaffen. Exemplarisch dafür steht der Satz der zurückgetretenen Postchefin Susanne Ruoff: «In einer Ecke der Postauto AG ist etwas Unrechtes geschehen», sagte sie im Februar, als der Skandal publik wurde.

Auch vier Monate später tut sich Ruoff schwer damit, Fehler einzugestehen. Sie habe zwar nichts von den fiktiven Buchungen gewusst, dennoch habe es «gewisse Hinweise» darauf gegeben, wie der Untersuchungsbericht nun zeige.

Es sei zwar eine grosse Herausforderung, als Chefin des drittgrössten Schweizer Konzerns in sämtlichen Bereichen im richtigen Moment eingreifen zu können. Aber als Konzernleitung übernehme sie selbstverständlich die Gesamtverantwortung. Letztlich war es jedoch der Verwaltungsrat unter Führung von Urs Schwaller, der ihr das Vertrauen entzog. Ob sie auch aus gänzlich freien Stücken gegangen wäre?

Ruoff hätte problemlos auch viel deutlicher Verantwortung übernehmen können. Andere Topmanager der Post beteuern bis heute, von den fiktiven Buchungen nichts gewusst zu haben. Er habe zu keiner Zeit Kenntnis von möglicherweise illegalen Machenschaften, sagte der damalige Post-Finanzchef Pascal Koradi Anfang Woche.

Im Untersuchungsbericht wird jedoch ein E-Mail zitiert, in dem es heisst, dass Koradi über die Korrekturbuchungen informiert gewesen sei. Auch weitere Passagen des Berichts werfen kein gutes Licht auf Koradi, der diese Woche im Lichte des Skandals als Chef der Aargauischen Kantonalbank zurücktrat.

Einigermassen abenteuerlich erscheint auch die Verteidigungsstrategie von Post-Vizepräsident Adriano Vassalli. Der Leiter des Prüfausschusses im Verwaltungsrat sagt, eine brisante Aktennotiz zu den fiktiven Buchungen nie erhalten zu haben. Im Untersuchungsbericht steht das Gegenteil.

Welche Seite nun recht behält, lässt sich zum heutigen Zeitpunkt nicht sagen. Dennoch hätte man von Vassalli erwarten können, dass er Verantwortung übernimmt und zurücktritt. Treten derart gravierende Machenschaften wie bei Postauto auf, steht er als oberster Kontrolleur in der Verantwortung, selbst wenn er tatsächlich lange Zeit davon nichts wusste.

Der Zufall wollte es, dass mit der Causa Raiffeisen diese Woche ein zweiter Fall ins Scheinwerferlicht geriet, bei dem es um Pflichten und Verantwortung eines Verwaltungsrats geht. Die Finanzmarktaufsicht Finma legte schonungslos die Verfehlungen des obersten Führungsgremiums der drittgrössten Bank des Landes offen.

Das Fazit: Der Verwaltungsrat hat seine Funktion als Oberleitungs-, Aufsichts- und Kontrollorgan ungenügend wahrgenommen. Er habe es verpasst, die Einhaltung der internen Regeln durchzusetzen. Die Finma spricht zudem von Rollenkumulation und Interessenkonflikten von Ex-Chef Pierin Vincenz.

Bislang waren es vor allem grosse börsenkotierte Konzerne, die hierzulande mit Steuerbetrug oder Korruptionsfällen negativ aufgefallen sind. Die US-Abenteuer der beiden Grossbanken haben Milliarden an Bussen gekostet, um nur ein Beispiel zu nennen.

Mit der Post und Raiffeisen stehen nun zwei Schweizer Institutionen im Zentrum von Skandalen, die lange Zeit für ihre Bodenständigkeit und Seriosität geschätzt wurden. Während die global aufgestellten Schweizer Konzerne – oft unter ausländischer Führung – ihr Heil in der weiten Welt und suchten und damit nicht selten auf die Nase fielen, beschränkten sich Post und Raiffeisen weitgehend auf ihren Heimmarkt.

Wie sich nun zeigt, können auch im vertrauten Umfeld grobe Fehler passieren. Dass auch hier beträchtliche Risiken schlummern können, etwa durch das Fehlverhalten der eigenen Mannschaft, haben die Verwaltungsräte der beiden Firmen unterschätzt.

Bei der Raiffeisen scheinen die Verantwortlichen vergessen zu haben, dass ein Verwaltungsratsmandat nicht nur Prestige und Honorare mit sich bringt, sondern auch Pflichten und Verantwortung. Bei der Post ist es für ein abschliessendes Urteil noch zu früh. Doch auch hier hätten die Verantwortlichen wohl genauer hinsehen und vieles kritischer hinterfragen müssen.

Die Folgen dieses Verhaltens sind gravierend. In der Öffentlichkeit dürfte sich das Bild der Schweizer Wirtschaftselite weiter verschlechtern. Der Tenor: Selbst in staatsnahen Betrieben und Genossenschaften tricksen also Manager, während die Verwaltungsräte wegschauen und sich aus der Verantwortung stehlen.

Das mag allzu sehr nach Stammtischrhetorik klingen, doch die Autorität der Wirtschaftsführer wird mit solchen Skandalen mit Sicherheit weiter untergraben. Denn Autorität speist sich auch aus Glaubwürdigkeit. Diese ist zunehmend angekratzt. Und so darf es die Wirtschaftselite nicht überraschen, wenn Volksabstimmungen nicht mehr nach ihrem Gusto ausfallen.