PRO von Rosmarie Mehlin, Freie Autorin

«Mit dem generellen Duzen wird Nähe provoziert»

Im zwischenmenschlichen Kontakt braucht es das Sie. Das Du kann sonst keine ehrliche Nähe entwickeln.

Es gab mal Zeiten, in denen ungeschriebene Gesetze darüber galten, wo für das Siezen strikt einzuhaltende Regel galten und wo Duzen angemessen war. So war das Sie als eine in der Kinderstube verinnerlichte Pflicht gegenüber a) Respekts-, b) älteren und c) fremden Personen einzuhalten. Vice versa pflegte das «Duzis»-Machen nach einem festen Ritus abzulaufen: In geselligem Beisammensein das Glas erheben, feierliche Miene aufsetzen und – vorausgesetzt die oder der Angesprochene ist jünger – seinen Vornamen nennen …

Dass heute ein Mann seiner weiblichen Begleitung in den Mantel schlüpfen hilft; dass beim Einsteigen in den Zug ein junger Mensch einem bedeutend älteren den Vortritt lässt – solche Sitten sind aus der Mode und abgehakt. Nun also muss allmählich auch das Siezen um seine Existenz fürchten. Nein, bitte nicht!

Rosmarie Mehlin, Freie Autorin

Rosmarie Mehlin, Freie Autorin

In der Werbung hat das Du schon längstens Einzug gehalten. «Warum denn in die Luft gehen – greife lieber zur HB», war noch vor «Wohnst Du noch oder lebst Du schon?» als selbstverständlich akzeptiert. Werbung hatte halt schon immer ihre eigenen Regeln.

Inzwischen aber werde ich als AHV-Bezügerin schon mal von einem jungen Menschen mit «Hi ich bi dr Kevin und Du?» begrüsst und werde an der Kasse vom Tankstellen-Shop «Bruchsch d’ Quittig?» gefragt. Dazu wird gestrahlt und der Tonfall ist ausgesprochen freundlich. Und ich? Statt mich glücklich verjüngt zu fühlen, bin ich irritiert und frage mich, ob es meinem Gegenüber allenfalls an einem gewissen Respekt vor Alter und Lebenserfahrung mangle. Mit diesem generellen Duzen wird doch schlicht nur subjektiv Nähe provoziert, die objektiv in weiter Ferne ist. Dieses Duzen simuliert Vertrautheit, in einer Zeit, da Distanz à la Handy-Kommunikation Trumpf ist.

Neulich hatte ich in einer grösseren Gesellschaft einer jüngeren Frau, die mir Respekt einflösst und deren Arbeit ich seit längerem bewundere, das Du angeboten. Sie hat gestrahlt, sich gefreut und es umgehend einem gemeinsamen Bekannten berichtet. In mehreren Begegnungen und Gesprächen hatte das Sie uns unsere gegenseitige Sympathie entdecken lassen. Ohne diese Annäherung per Sie kann das Du keine ehrliche Nähe entwickeln.

KONTRA von Andreas Schaffner, stv. Chefredaktor der «Nordwestschweiz»

«Auch mit dem ‹Sie› kann man unflätig sein»

Ob man duzen soll oder nicht, das braucht ein bisschen Fingerspitzengefühl. Im Zweifelsfall soll man lieber abwarten.

«Come on», sage ich hier nur. Nehmt es doch «easy». Seid unverkrampft. Es geht schon nicht das Abendland unter, wegen des bisschen Duzens. Wir leben in der Zeit des «Anything Goes». Es ist längst Zeit, alte Zöpfe abzuschneiden. Um einer Person respektvoll entgegenzutreten, braucht es den Griff zur Höflichkeitsform wahrlich nicht mehr. Nicht alle sind heute beleidigt, wenn man sie duzt. Es braucht ein bisschen Fingerspitzengefühl, das gebe ich zu. Es braucht Übung. Im Zweifelsfall würde ich lieber warten mit dem «Du».

Denn auch mit dem «Sie» kann man unflätig sein. Ich erinnere nur an die bekannteste Verbalinjurie der jüngeren deutschen Politik. Es war am 14. Oktober 1984, als der damals noch junge Grüne Joschka Fischer seinen Zwischenruf «Mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch, Herr Präsident!» an den damaligen Bundestagsvizepräsidenten Richard Stücklein richtete. Dieser hatte zuvor den Abgeordneten Jürgen Reents ausgeschlossen, der den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl als «von Flick freigekauft» bezeichnet hatte.

Andreas Schaffner, stv. Chefredaktor der «Nordwestschweiz»

Andreas Schaffner, stv. Chefredaktor der «Nordwestschweiz»

Es kommt also darauf an. Das «Du» ist sicher nicht immer angebracht. Bei einem Bankangestellten, den ich nicht näher kenne, wäre ich schockiert, wenn er mich duzen würde. Bei einem Berater meines Vertrauens wäre es etwas anderes: Hier würde ich rasch zum Du wechseln. Wenn mich der Lehrer meiner Tochter plötzlich duzen würde, wäre es sicher auch komisch. Nach dem zehnten Elterngespräch aber hätte ich nichts dagegen. Das Gleiche in einem Kleidergeschäft: Hier gibt es ja Angestellte, die einen immer nur duzen. Das stört mich manchmal auch.

Wie ist es also im heiklen Umgang mit den Mitarbeitern in einem Betrieb? Wie soll sich ein Chef verhalten gegenüber den Mitarbeitern? Wie soll ich als Mitarbeiter, der neu in einem Unternehmen ist, damit umgehen? Auch hier gilt es, das Augenmass nicht zu verlieren. Einfach das «Du» zu verordnen, wie es einst bei der Swisscom der Fall war, kann es nicht sein. Damit hat man rasch viele Menschen verunsichert. Aber es auf den Einzelfall ankommen zu lassen, das würde ich empfehlen. Man muss es ansprechen können, wenn es einen stört. Man muss auch darüber lachen können, wenn man selber noch nicht immer so weit ist.