Pro: «Fleisch essen und gegen Tierversuche sein – geht das?»

Bei unseren Beziehungen zu den Tieren kämpfen wir mit unhinterfragten Vorurteilen. Wir sollten uns um kohärente Einstellungen bemühen.

Tiere haben «Würde». Was auch immer das bedeuten mag, es steht in unserer Bundesverfassung. An und mit Tieren zu experimentieren ist sicher begründungsbedürftig. Und sicher ist nicht alles erlaubt. Tierquälerei im Namen der Wissenschaft und des Fortschritts ist ein No-Go.

Also: Tierversuche verbieten! Alle und ohne Ausnahme? Auch medizinische Experimente? Wie wir über unser Leben und die Zeit denken, ist mindestens so verwirrend wie unsere Beziehungen zu den Tieren. Gesundheit ist unser höchstes Gut, langes Leben höchst wünschbar – solange es darum geht, scheint – vielleicht nicht jeglicher – aber sicher viel Aufwand gerechtfertigt. Und bei unseren Beziehungen zu den Tieren kämpfen wir mit unhinterfragten Vorurteilen. Nahrungstabus sind dabei nur die manchmal wahrgenommene Spitze eines grossen Eisberges.

Albert Schweitzer sagte sinngemäss: Alles Lebendige ist Leben, das leben will. Es fällt irgendwie leichter, das zu akzeptieren, wenn von grossen Tieren wie Hunden oder Elefanten die Rede ist. Auch bei Raubtieren, die andere Tiere fressen, sehen wir das ein. Wenn uns der Löwe fressen will, plädieren wir auf Notwehr. Wie steht es denn mit Mikroben, die mir an den Kragen wollen? Oder Parasiten, welche unsere geliebten Haustiere bedrohen?

Offenbar ist es nicht so einfach. Nehmen wir einmal an – den Nachweis zu liefern, ist hier schwierig –, um gewisse Dinge besser zu verstehen (zum Beispiel Krebs), sind Tierversuche mit Mäusen oder Ratten unverzichtbar. Krebs ist halt nun einmal etwas, das nur lebendige Organismen produzieren. Gegen Krebs dürfen oder sollten wir etwas unternehmen.

Was wir versuchen sollten, wäre, eine gewisse Kohärenz unserer Einstellungen herzustellen. Fleisch essen und gegen Tierversuche sein – geht das? Oder man bedenke Folgendes (das Beispiel stammt aus Hal Herzog: Wir streicheln und wir essen sie): Hahnenkämpfe sind brutal. Unbezweifelbar. Aber: Ein Junghahn, der in einer Hühnerzucht schlüpft, wird vergast. Maximal lebt er ein Jahr, dann wird er verzehrt. Ein Kampfhahn wird zwei Jahre lang trainiert und gefüttert und geniesst ein recht «hahngerechtes» Leben. Dann kämpft er – und stirbt.

Kontra: «Es geht um Schutz von Würde und Wohlergehen des Tiers»

Die Kompatibilität von Tierversuchen mit menschlichem Organismus muss infrage gestellt werden – ein Erkenntnisgewinn fehlt oft.

Acetylsalicylsäure kennen Sie sicher unter dem Namen Aspirin. Das Medikament, seit 1977 auf der Liste der «unentbehrlichen Arzneimittel der WHO», ist schmerzstillend, entzündungshemmend, fiebersenkend und kann Blutgerinnsel verhindern. Es wurde 1897 erfunden, als es Tierversuche in der jetzigen Methodik noch nicht gab.

Würde man Aspirin heute entdecken, käme es nie auf den Markt, denn es ist für Mäuse und andere Säuger hochtoxisch. Das ist eines vieler Beispiele, das die Kompatibilität von Tierversuchen mit dem menschlichen Organismus infrage stellt, womit Erkenntnisgewinn und Nutzen nicht gegeben sind.

Zu den Primaten. Stellen Sie sich diesen Versuch vor, der vom Regierungsrat des Kantons Zürich erlaubt wurde, obschon er gegen die Tierschutzgesetzgebung verstösst, wobei man nicht einmal über Artikel 1 hinweglesen muss, der da lautet: «Zweck dieses Gesetzes ist es, die Würde und das Wohlergehen des Tieres zu schützen.»

Versuch: Dem Primaten werden Elektroden ins Gehirn implantiert und am Schädel angebracht. Das Tier wird regelmässig während mehrerer Stunden im «Primatenstuhl» festgemacht, der Kopf fixiert. Zusätzlich muss es durch limitierte Wasserabgabe anhaltend Durst leiden und monotone Aufgaben lösen. Das Projekt dauert drei Jahre.

Solche schwerstbelastende Versuche, die ein bewegungsfreudiges Tier einschränken und unter hohen Stress setzen, leiden lassen und erniedrigen, sollen einen relevanten Beitrag zum medizinischen Fortschritt leisten, obschon die Erkenntnisse aus dem Gehirn des Tieres nicht direkt auf dasjenige des Menschen übertragbar sind? Seien wir ehrlich: Solche Tierversuche dienen Wissenschaftern dazu, sich mit Publikationen über abstruse,
irrelevante Thesen zu profilieren.

Weil Tierversuche dem Menschen dazu dienen sollen, die Erträglichkeit und Wirkung von Produkten zu testen, oder ihm etwa in der Krebsforschung weiterhelfen, ist ein totaler Tierversuchsstopp wohl illusorisch. Umso mehr müssen die Anstrengungen dahingehend laufen, Transparenz zu schaffen und Versuche der Schweregrade 3 und 4 endgültig zu verbieten. Damit würden wir diejenigen ethischen Anforderungen erfüllen, die in einer abendländischen Kultur zwingend wären.