Pro von Etienne Wuillemin, Ressortleiter Sport

«Die Welt des Sports ist voller Skandale – hilf Helvetia!»

Die Schweiz eignet sich perfekt für Olympia. Das ganze Land profitiert – und zeigt dem Sport den Weg zurück zu den Wurzeln.

Olympische Spiele in der Schweiz? Es ist das faszinierendste Projekt der Schweizer Sportgeschichte. Aber grosse Träume sind grossem Widerstand ausgesetzt. Gerade in der Schweiz, wo die Menschen allzu häufig auf Sicherheit bedacht sind und vielen schlicht der Mut fehlt. Die Vorbehalte sind immer die gleichen. Zu teuer! Zu gross! Zu riskant! Und überhaupt: unnötig diese Eingriffe in Natur und Landschaft. In der Summe niemals zu verdauen für ein heimeliges Land wie die Schweiz. Doch die Skeptiker irren.

Gerade ist der Sport so ziemlich durchtränkt von Korruption und Skandalen. Darum ist es wichtig, dass der Sport eine Bühne mit einwandfreiem Leumund erhält. Eine Bühne, in der auch Umweltbewusstsein und Demokratie mehr als nur Lippenbekenntnisse sind – niemand eignet sich besser dafür als die Schweiz. Natürlich ist der Gigantismus bei Olympischen Spielen ein Problem. Natürlich verursachen die Spiele Kosten. Aber das Olympische Komitee ist gut beraten, von seinem Credo des «immer grösser» wegzukommen.

Winterspiele in Pyeongchang oder Peking schaden dem Sport massiv. Die Zeit der Spiele in Retorten-Wintersport-Destinationen muss vorbei sein. Winterspiele gehören in eine Winterlandschaft. Und dafür eignet sich die Schweiz geradezu perfekt. Dank eidgenössischer Disziplin und Willenskraft und Unabhängigkeit sind wir prädestiniert, auch unerwartete Widerstände zu überwinden und eisern am realistischen Budget festzuhalten.

Dass dies möglich ist, liegt auch an der hervorragenden Infrastruktur. Die Schweiz ist eine Sportnation mit grosser Tradition. Viele Anlagen stehen schon heute bereit. Es braucht einige Sanierungen und Optimierungen, die von Zeit zu Zeit sowieso getätigt werden müssen. Was neu gebaut wird, ist nachhaltig brauchbar. Und wird darum auch für einen Aufschwung in der Schweizer Sport-Szene führen.

Schliesslich, und das sollten wir nicht vergessen, auch wenn das Argument nicht neu ist: Dank Olympischen Spielen wird die Schweiz über Jahre zum Schaufenster für die ganze Welt. Bessere Werbung gibt es nicht. Das ist in Zeiten der stockenden Wirtschaft Gold wert. Die Welt wird sich ergötzen an der grossartigen Schweiz. Es ist Zeit, dass wir beginnen, gross zu denken.

Kontra von Max Dohner, Autor

«VIP-Lounge für Sportbarone, wo Plebejer reingaffen dürfen»

Olympische Spiele in den Alpen werden erst dann wieder zum Vergnügen, wenn sich der Sport von den Kommerzfesseln befreit hat.

Erfunden wurde die Arte Povera in Italien. Aber man hat das Gefühl, die grössten Künstler der Arte Povera («arme Kunst») sitzen in den Gremien der Olympischen Spiele. Jedes Mal, wenn diese Leute wieder einen Ort propagieren für Olympische Spiele, greifen sie zur Arte Povera. Nichts Opulentes soll da stattfinden, nichts Bombastisches, alles klein und hübsch bleiben, «nachhaltig» und «natürlich eingebettet».

Besonders viel Arte Povera wird verschmiert in Bezug auf die Schweiz. Notorische Olympia-Freaks lassen nicht locker, bis auch die Alpen wieder mal mit den Kommerzpusteln modernen Olympias bepflastert sind. Nein, eben nicht zugepflastert, nur punktuell «ausgebaut», «sanft ergänzt», um hinterher sofort alle Spuren zu tilgen. Ganz anders als in jenen heimgesuchten Orten, wo Olympia in der Landschaft zurückgeblieben ist wie geplatzte Eiterbeulen.

Die Märchenfee Trudi Gerster starb vor Jahren in Basel. Ihre eifrigsten Epigonen leben weiter in den Olympischen Komitees. Sie erzählen uns das Märchen von «bescheidenen» Spielen: «Es war einmal viel traulicher Sport hinter den sieben Bergen.» Das Märchen untermalen nostalgische Filme: Skirennfahrer im Stemmbogen, Eiskunstläufer in Knickerbockern, Vogelmenschen, die während kurzer Hüpfer mächtig mit den Armen rudern. Das war das Wintermärchen St. Moritz 1948. Spiele für die Guten: Japan und Deutschland waren ausgeschlossen, die Sowjetunion verzichtete.

«Bescheidene Spiele» im zersiedelten St. Moritz? Im verschandelten Davos? Im scheusslichen Crans-Montana? Im eiskalt noblen Verbier oder Gstaad? Immer da, wo Protzsucht sich ordinärer gar nicht aufführen kann. Um abermals öde Marketing-Chilbis zu begaffen, eingehüllt in die falsche Silberfuchs-Stola, und dem Palasthündchen falschen Kaviar zu verfüttern. Um Sportbarone wie Pseudodiplomaten um Stars und Eventsponsoren scharwenzeln zu sehen, während die werbetraktierte Meute, Steuerplebejer aus dem nebligen Mittelland, die das Ganze finanziell buckeln, an den VIP-Lounges sich die Nase plattdrücken dürfen.

Alles verklickert als «Olympia povera». Märchen seien ernst und nichts zum Lachen. Man darf im Knusperhäuschen aber naiv noch fragen: «Oma, warum hast du ein derart grosses Maul?»