Frau Lüscher hat wieder angerufen. Wegen der Bundesrätin Leuthard. Denn die habe sich ganz unbundesrätlich verhalten, sagte Frau Lüscher, und das gebe ihr zu denken.
«Unbundesrätlich?», fragte ich.

«Ja», sagte Frau Lüscher und erklärte mir, was passiert war: Frau Leuthard habe sich am letzten Freitag im Intercity von Bern nach Zürich einfach auf die Treppe gesetzt, weil sie keinen freien Sitzplatz gefunden habe. «Stellen Sie sich das einmal vor:

Die Bundesrätin sitzt auf der schmutzigen Treppe im Doppelstöcker» sagte Frau Lüscher; es gebe im Internet ein Bild von der auf der Treppe sitzenden Bundesrätin. «Was müssen die Leute in andern Ländern bloss von der Schweiz denken, wenn sie das Bild sehen? Die verlieren doch jeden Respekt!», sorgte sich Frau Lüscher.

«Im Gegenteil: Es ist nur gut, wenn das Foto im Netz kursiert. Die ganze Welt soll staunen, wie viel Demokratie es in der Schweiz immer noch gibt: Auch eine Bundesrätin hat keinen Anspruch auf einen Sitzplatz im überfüllten Zug. Das fördert den Respekt für den Sonderfall Schweiz.»
«Meinen Sie?», fragte Frau Lüscher.
«Ganz bestimmt», behauptete ich, obschon ich meiner Sache keineswegs sicher war.

Es war einen Moment lang still in der Leitung. Frau Lüscher dachte nach. Dann sagte sie: «Also, wenn ich im Zug gewesen wäre, ich hätte Frau Leuthard meinen Sitzplatz angeboten.
«Das glaube ich Ihnen gerne», sagte ich.
«Was meinen Sie», hakte Frau Lüscher nach, «würde das Frau Merkel auch tun. Sich im Doppelstöcker auf die Treppe im Gang setzen?»
Ich antwortete, meiner Meinung nach verkehrten in Deutschland im Fernverkehr keine Doppelstöcker.