Die Schlacht um Aleppo ist eine Katastrophe für die 250 000 oder 300 000 Menschen, die noch in der einst blühenden Millionenstadt ausharren. Und sie ist ein Symbol für das Versagen der westlichen Sicherheitspolitik. Seit dem letzten Herbst haben Pro-Assad-Kräfte versucht, die Nachschublinien für die Rebellen abzuschneiden, welche Teile Aleppos kontrollieren. Im Februar starteten sie eine Offensive; im Juli schlossen sie den Belagerungsring. Jetzt soll den Rebellen wieder ein Durchbruch gelungen sein.

Doch wer sind die Protagonisten dieses Krieges überhaupt? Für das Regime des syrischen Diktators Baschar al-Assad kämpfen neben der syrischen Armee iranische Revolutionsgardisten, libanesische, vom Iran bewaffnete Milizen der Hisbollah («Partei Gottes»), schiitische Freischärler aus dem Irak, Palästinenser sowie syrische und libanesische Drusen (eine Abspaltung der Schiiten). Vor allem aber greifen russische Sondereinheiten ins Kriegsgeschehen ein.

Die Opponenten sind ein zusammengewürfelter Haufen: von der «Freien Syrischen Armee», auf die Washington setzt, über salafistische Milizen wie Ahrar al-Scham und Jaish al-Islam bis hin zur terroristischen Nusra-Front, die sich erst kürzlich von al-Kaida losgesagt hat. Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) bilden zusammen mit den Milizen sunnitischer Stämme und dem Syriakischen Militärrat (MFS), einer vorwiegend aus assyrisch-aramäischen Christen bestehenden Miliz, die «Demokratischen Kräfte Syriens» (SDF). Und dann gibt es natürlich den «Islamischen Staat» (IS).

Der Kampf gegen den IS ist, nachdem Saudi-Arabien und die Türkei ihre frühere, zwielichtige Haltung revidiert haben, das Anliegen aller Beteiligten sowohl in der Pro- als auch der Anti-Assad-Liga. Das heisst aber auch, dass mit den zunehmenden militärischen Erfolgen gegen den IS automatisch auch Assad gestärkt wird.

Saudi-Arabien und die Türkei unterstützen zudem die salafistischen Gruppierungen. Jaish al-Islam zum Beispiel (die «Armee des Islam»), die einen islamischen Gottesstaat anstrebt, stellte an den gescheiterten Genfer Friedensverhandlungen den offiziellen Vertreter der syrischen Opposition. Das Assad-Regime und die Russen stufen die Gruppierung zu Recht als Terrororganisation ein. Wichtige Verbündete der USA sind auch die Kurden, die aber vom Nato-Mitglied Türkei mindestens so vehement bekämpft werden wie die IS-Terroristen. Und so weiter.

Der Krieg in Syrien hat den Rahmen eines Bürgerkrieges längst gesprengt und sich zu einem bewaffneten Konflikt regionaler Rivalen ausgeweitet, den sunnitischen Saudis, den schiitischen Iranern und den Türken. Damit ist er zum scheusslichsten aller gegenwärtigen Kriege geworden mit mindestens 400 000 Toten, Millionen Vertriebenen, Hunger, Epidemien, weitreichender Zerstörung und schwersten Kriegsverbrechen. Die Katastrophe hat 2011 begonnen, als sich Syrer massenhaft gegen das Regime auflehnten und als dieses brutal zurückschlug. Die USA und andere westliche Länder unterstützten zwar den Aufstand, aber nur halbherzig. Als fanatische Islamisten wie der IS und die Nusra-Front begannen, das entstehende Machtvakuum aufzufüllen und ihre Terrorregimes zu installieren, und als Teheran auf Assads Seite in den Konflikt eingriff, war Washington nicht bereit, eine aktivere Rolle zu übernehmen. Nach den Erfahrungen in Afghanistan und im Irak mochte Präsident Barack Obama die USA nicht in einen weiteren Krieg verstricken. Sein Versagen in Syrien demonstrierte der Westen dann endgültig, als Wladimir Putin vor einem Jahr seine Streitkräfte zur Rettung Assads ins Feld warf.

Der Gewalt in Syrien müsste mit Gewalt begegnet werden, nicht mit fruchtlosen Verhandlungen und planloser Diplomatie. Nur: Wer sollte diese Gewalt anwenden? Die USA sind mindestens bis zum Präsidentenwechsel Ende Januar 2017 handlungsunfähig, die UNO ist es wegen der Rivalität der Vetomächte USA und Russland. Und die EU beschäftigt sich wegen Brexit, Euro-Krise, zunehmender EU-Feindlichkeit in Mitgliedsländern und dem massiven Migrationsdruck aus dem Süden mit sich selber.

Deshalb wird der Syrienkrieg wohl so lange andauern, unglaubliches Leid und Flüchtlingsströme verursachen, bis die eine oder andere Seite ausgeblutet ist – oder alle.