«Alles fliesst» – das wusste schon der griechische Philosoph Heraklit (um 520 bis ungefähr 460 v. Chr.). Dass sich dauernd alles ändert um uns herum, damit kommen wir in der Regel recht gut zurecht. Sofern es einigermassen in den gewohnten Bahnen bleibt. Leider ist – oder scheint uns – das immer weniger der Fall zu sein. «Disruption» statt «Evolution» – wer es gerne im Modern Talk hat.

«Disruption» bedeutet Unsicherheit. Das, was da kommen mag, unterscheidet sich erheblich von dem, womit wir gerechnet haben. Dessen ungeachtet kann man auch im Umgang mit Unsicherheit rechnen. Das nennt man dann «Risiko» und schreibt ihm bestimmte Eintretenswahrscheinlichkeiten zu. Die Bankenkrise hat uns gelehrt, dass man es da übertreiben kann. Auch auf Zahlen darf man sich nicht einfach blind verlassen.

Es gibt «100 Prozent Sicherheit», auch wenn es dauernd verneint wird

«Un-Sicherheit» – der Begriff legt nahe, dass es da etwas geben muss: «Sicherheit». (Wäre es besser, lieber das Begriffspaar «Un-Gewissheit» und «Gewissheit» zu gebrauchen? Das würde uns allenfalls ein paar bizarre Diskussionen ersparen.) Und da fällt uns gleich das Mantra ein – immer wieder wiederholt: «100 Prozent Sicherheit gibt es nicht.» Nur stimmt es nicht. Wenn wir zum ursprünglichen Wortsinn zurückkehren: «Se-cura» – ohne Sorge. Bereits die Antike wusste, dass es das gibt und wo man es findet: in sich selbst. Die Welt abprallen lassen und die Seele zur Unerschütterlichkeit erziehen, so lehrte nicht nur die Stoa.

Es ist klar, dass dieser ursprüngliche Sicherheitsbegriff heute antiquiert wirkt und fast lächerlich anmutet, vielleicht gar nicht mehr existiert. Irgendetwas ist mit der Sicherheit passiert. Man hat sie dem Einzelnen als Lebensaufgabe weggenommen. Durchaus in guter Absicht. «In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden», lässt das Johannes-Evangelium Jesus zu seinen Jüngern sprechen. Das Christentum hat die Sicherheit nicht nur zum «Frieden (in mir)» uminterpretiert, sondern auch – als Versprechen – verzeitlicht. Wir werden diesen Frieden, diesen Zustand der Sorglosigkeit irgendeinmal «haben». Es liegt nicht mehr (allein) an uns, es wird kommen.

Versprechen gegen Angst haben aber noch (fast) nie geholfen. «Sicherheit herstellen» – eine gute Idee, aber sie der Religion zu überlassen, geht nicht. Die moderne Staatstheorie hat das übernommen. In einer Art Vertrag einigen sich die Leute, dem Staat die Sicherheit (vor gegenseitiger Schädigung) anzuvertrauen. Sicherheit wird verpolitisiert. Bei Thomas Hobbes heisst dieser Staat noch «Leviathan» und wird als Monster vorgestellt, später wird es friedlicher. Gewaltverzicht auf der Seite der Bürger – und Gewaltmonopol auf der Staatsseite – das sind die Pfeiler der modernen staatlichen Sicherheitsarchitektur.

Die «öffentliche Ordnung» aufrechtzuerhalten, ist Staatsaufgabe und der «öffentliche Raum» eine Art Staatsbesitz. Dafür hat der Staat Organe, vor allem Polizei und Justiz. Konflikte mag es allenfalls geben, falls sich eine Regierung «des Staats bemächtigt». Dann wird sie keine Proteste gegen die Regierung im öffentlichen Raum zulassen. Und Polizei und Justiz missbrauchen.

Der Staat soll nicht «totalitär» sein, aber auch nicht «paternalistisch»

So weit, so gut. Den «totalitären Staat» haben wir bereits erlebt. Wie steht es mit seiner fürsorglichen Seite? Lässt sich aus der «öffentlichen Ordnung» auch die Pflicht des Staates ableiten, für «die Sicherheit seiner Bürger» zu sorgen? So weit es um objektiv vorhandene Gefahren geht, ja; würde er da nichts tun, könnte man ihm dies als Unterlassung vorwerfen. Anders liegt der Fall bei der Angst. Hobbes und Co. haben stets betont, dass der Staat nicht «schützt», sondern nur gewisse (Freiheits-)Rechte garantiert. Wahrnehmen muss sie der Bürger. Ähnlich liegt der Fall bei Gefühlen – wie der Angst. Angst ist ja ein Gefühl, bei dem nichts Konkretes da ist, vor dem man sich «ängstet» (im Gegensatz zur «Furcht», die einen konkreten Gegenstand hat). Was über diese staatliche Garantieleistung hinausgeht, wäre Paternalismus, übertriebene Fürsorge (für Einzelpersonen). Natürlich sind die Gefahren, von denen man nichts ahnt, die gefährlichsten, und das «Prinzip der Vorsorge» ist keineswegs von der Hand zu weisen. Aber mit seiner Angst muss der Einzelne umgehen. Allgemeine Massnahmen – falls nötig – müssten dem Staat politisch von den Bürgern vorgeschrieben werden.