Das Duell zwischen Amts­inhaber Benjamin Netanjahu und seinem Herausforderer Benny Gantz endete zwar mit einem Unentschieden. Aber das Resultat der Knessetwahlen lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Die Legislative in Jerusalem erhält ein neues Gesicht.

Die radikal-frommen Parteien rücken zur drittstärksten Kraft auf und werden zur Stütze von Netanjahus Koalition. Sie werden in der Regierung «einen massiven Einfluss» haben, sagt ein Netanjahu nahestehender Beobachter. Netanjahu spricht von der Gründung einer rechts-gerichteten Koalitionsregierung, verspricht aber, sich als Premier für alle einzusetzen.

Netanjahu könnte zwar mit Gantz rechnerisch eine grosse Koalition bilden, die über 70 der 120 Knessetmandate verfügen würde. Doch bereits in der Nacht auf Mittwoch hatte er Kontakte zu seinen «natürlichen Koalitionspartnern» aufgenommen, wie er sagte.

Zusammen mit den religiösen und rechten Parteien wird er es mit den 35 Mandaten seiner Likudpartei auf eine komfortable Mehrheit von 65 Sitzen bringen. Die Linke und die arabischen Parteien sind mit 20 Mandaten zur Marginalie verkommen. Nur rund 12 Prozent der Bürger bezeichnen sich als links.

Die Wähler hatten sich am Dienstag zwar für eine der 40 Parteien, nicht aber für Netanjahu oder Gantz zu entscheiden. Doch die Knessetwahl wurde vor allem als Referendum über den amtierenden Regierungschef verstanden, der seit 2009 ohne Unterbruch im Amt ist. Dass er trotz der drei Korruptionsfälle, in denen ihm nach einem Hearing Anklage drohen könnte, im Büro des Regierungschefs bleiben kann, deuten Beobachter als starken Vertrauensbeweis für Netanjahu.

Seine Partner wollen ihn jetzt aus den Klauen der Justiz befreien. Bezalel Smotrich von der Siedlerpartei, der künftige Chef des rechten Blocks in der Knesset, werde sich für ein Gesetz einsetzen, das amtierenden Premiers Immunität gewährt, auch rückwirkend, heisst es in einem Kommentar der links-liberalen Tageszeitung «Haaretz».

Damit wäre Netanjahu, den Freund und Feind «Bibi» nennen, aus dem Schneider. Im Gegenzug werde Smotrich fordern, dass kein Siedler aus der Westbank evakuiert und israelisches Gesetz auf die Siedlungen ausgedehnt werde, so wie das Netanjahu am Ende des Wahlkampfs versprochen hat.

Nun wird sich zeigen, ob Netanjahu mit dieser Zusage bloss rechte Wähler ködern wollte – oder ob er die Westbank tatsächlich annektieren will. Letzteres könnte zum Konflikt mit US-Präsident Donald Trump und dessen Friedensplan führen, den er demnächst präsentieren will. Allerdings will man in Jerusalem nicht ausschliessen, dass Trump den israelischen Wünschen nachkommen könnte.

Der Machtzuwachs der Religiösen ist unter anderem auf eine massive Stimmbeteiligung zurückzuführen. In den radikal-frommen Städten betrug sie bis zu 99 Prozent. Rabbiner hatten die Stimmabgabe zur «religiösen Pflicht» erhoben, gekoppelt mit der klaren Anweisung, welche Liste man zu wählen habe.

Benny Gantz, Netanjahus Herausforderer, hatte sich am Dienstagabend nach Schliessung der Wahllokale etwas voreilig als Sieger bezeichnet. Er stützte seine Zuversicht auf die Hochrechnung eines TV-Senders, ohne zu berücksichtigen, dass ein Konkurrenzsender gleichzeitig ein für ihn ungünstigeres Resultat präsentierte. Man kann das in der Kategorie Anfängerfehler abbuchen.

Gantz, ein ehemaliger Generalstabschef, war erst vor wenigen Monaten in die Politik eingestiegen. Dass er mit seiner Ende Februar gegründeten Liste Blau-Weiss gleich beim ersten Anlauf 35 Mandate holte und mit Netanjahu, dem brillanten und gleichzeitig trickreichen Politiker, gleichzog, ist mehr als ein Achtungserfolg.

Dass er jetzt in der Knesset der Partei vorsteht, die gleich stark ist wie Netanjahus Likud, zeigt auch, dass ein nicht zu vernachlässigender Teil der Bevölkerung, nämlich rund 30 Prozent, aus verschiedenen Gründen auf eine Ablösung an der Spitze gesetzt hatte. «Nur nicht Bibi», hatte ihr Slogan gelautet. Jetzt wird Gantz beweisen müssen, dass die noch junge Partei schlagkräftig genug ist, um Netanjahu als Opposition die Stirn zu bieten.

Netanjahus Sieg sei ein Resultat seiner erfolgreichen Politik, meint seine Wahlkampfstrategin Rachel Broyde. Er habe, fasst sie eine zentrale Botschaft der Kampagne zusammen, in den vergangenen zehn Jahren mehr als alle seine Vorgänger erreicht. Unter Netanjahu habe es einen Durchbruch bei den internationalen Beziehungen gegeben, die Sicherheit sei verbessert worden und die Wirtschaft gesund gewachsen.

Auf Bibis Wahlerfolg gab es gemischte Reaktionen. Glückwünsche trafen etwa aus Rom und Wien ein. Bei den Palästinensern stiess das Ergebnis der Wahl hingegen auf Kritik.