Kommentar

Der zweite Teil-Lockdown ist eine Katastrophe und zeigt: Die Kultur hat keine Lobby

Nutzlos? Zürich verbannte Orchester und Chor vom Opernhaus in einen Probesaal, Genf spielte diese Woche das Orchester sogar ab Band ab.

Nutzlos? Zürich verbannte Orchester und Chor vom Opernhaus in einen Probesaal, Genf spielte diese Woche das Orchester sogar ab Band ab.

Überragende Künstler – Komponistinnen, Filmemacher oder Musikerinnen – wissen, die Stille zu nutzen: Momente des bangenden Nichts sind oft der Höhepunkt von vier Stunden Opernglück, oder sie leiten den alles entscheidenden Knall im Thriller ein. Erst aus der Stille begreifen wir die grossen Gesten.

Jeder hat das gemerkt, als im Juni die Konzert-, Theater- und Kinosäle sowie die Clubs nach dem partiellen Lockdown wieder aufgingen. Da vorne auf der Bühne gab es bebende Nahrung für die darbende Seele, die kein Stream hatte ersetzen können. Verletzlich flüchtige Kunst, unwiederholbar. «Live is Life» überschrieb Lucerne Festival sein wiedererstandenes Sommerfestival zu Recht. Sich versammeln, gemeinsam Musik hören oder Theater und Filme erleben, ist ein Urbedürfnis der Menschen. Gerade in Zeiten, wo wir (wieder) mit den besten Freunden auf Abstand gehen sollen, bietet die Kultur eine Begegnung der anderen Art. Sogar rationale Physiker streiten die Wirkung von Musik nicht ab, kann man ihre positiven Auswirkungen auf den Körper doch messen.

Lassen wir die Zahlen, und lassen wir auch die wirtschaftlichen Vergleiche, spielen wir nicht die Landwirtschaft gegen die Kreativwirtschaft und die systemrelevante Kulturindustrie aus. Wir sind eine soziale Demokratie, es gilt, auch für die Schwächeren und Stilleren zu sorgen, für die Bäuerin wie den Wirt, für den Mandolinenspieler wie für die Performancekünstlerin.

Kulturinstitutionen haben in den letzten Monaten unglaublich viel getan, um Schutzkonzepte zu erarbeiten. Selbst kleine Konzertanbieter wählten neue Hallen, ersetzten dauernd Künstler. Mit Erfolg: Die Leute kaufen Karten, die Covid-19-Ansteckungen in den Sälen blieben äusserst gering.
Ich fuhr am Montag nach Genf, im Zug sassen die Leute nahe beisammen. Ich hatte Angst. In der Oper aber mussten wir Abstand halten, wurden durch sechs Eingänge ins Haus gelotst, niemand zog wie im Tram zum Sandwichessen die Maske aus. Ich fühlte mich sicher. Traurig war, dass im Orchestergraben kein Orchester sass, die Musik übers Band kam. Aber die (echten) Sänger passten sich der neuen Situation grandios an. Jetzt aber wird für lange Zeit niemand mehr auf dieser Bühne singen.

Das Jammern der Kulturmenschen und das öffentliche Briefeschreiben nützten nichts mehr: Die Kultur ist das Opfer der Politik. Sie hat keine Lobby. Es herrscht die falsche Meinung, sie trage nichts zur Wirtschaft bei, sie würde nur nehmen. Ein hohes C lässt keine Aktie steigen. Dabei können gerade Kulturinstitutionen eine riesige Umwegrentabilität aufweisen, Ausgaben, die rund um den Konzertbesuch anfallen: Das beginnt beim Kauf des Abendkleides und endet beim Drink danach. Aber das interessiert nicht. Oder nur in guten Zeiten.

Verbietet nun die Politik den Kulturmenschen, zu arbeiten, macht das gewisse Exponenten von grossen Institutionen gar nicht unglücklich: Jetzt müssen sie sich nicht mehr tagtäglich abrackern, um spielen zu dürfen, um ein paar Franken einzunehmen. Nein, jetzt können sie wieder die hohle Hand beim Staat machen. Dabei wollten und wollen sie doch spielen und uns sagen: «Wir sind für euch da.»

Dieser zweite Kultur-Lockdown wird eine Katastrophe: für die guten Menschen der Kunst, aber auch für uns Bürolemuren, die wir nach Seelennahrung dürsten. Die Stille ist nicht der Weg zum inneren und äusseren Jubel. Was bleibt, ist die kalte, mausetote Ruhe – das bitterste Nichts.

Autor

Christian Berzins

Christian Berzins

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