Die USA, unterstützt von Frankreich und Grossbritannien, haben am Samstagmorgen mit Raketen syrische Ziele angegriffen. Damit reagierten sie auf einen Giftgaseinsatz in der ehemaligen Rebellenhochburg Duma nordöstlich von Damaskus, der eine Woche zuvor mehr als 40 Tote und Hunderte von Verletzten gefordert hatte. Natürlich hat der begrenzte Schlag gegen eine Forschungsstätte für biologische und chemische Waffen in Damaskus und ein Chemiewaffenlager westlich von Homs umgehend die weltweite Bruderschaft der Verschwörungstheoretiker und Russland-Versteher auf den Plan gerufen. Sie behaupten entweder – getreu der syrischen und russischen Propaganda – hinter dem Giftgasangriff von Duma steckten islamistische Terroristen; oder aber sie wittern eine weitere Konspiration des «Westens».

Es trifft zu, dass viele Fragen zu Duma noch unbeantwortet sind. Aber die französische Regierung hat glaubwürdige Analysen vorgelegt, die auf das syrische Regime als Urheber schliessen lassen. Duma ist nur das jüngste von zahllosen Beispielen für Kriegsverbrechen in Syrien. (Um ganz klar zu sein: Auch die Gegenseite hat sich teilweise übelster Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht.) Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen hat in der Vergangenheit genügend Beweise dafür geliefert, dass Baschar al-Assad Chemiewaffen einsetzen liess, um die Bevölkerung zu terrorisieren.

Obama hat alle Optionen sukzessive verbaut

Die Luftschläge sollten Assad in die Schranken weisen, doch könnte er daraus den fatalen Schluss ziehen, dass der Westen Massaker toleriert, so lange keine Chemie im Spiel ist. Dass der Schlag ohne Zustimmung des Weltsicherheitsrates stattfand, ist hingegen erklärbar: Russland hat als Vetomitglied des Rates mit Unterstützung Chinas jede taugliche Syrien-Resolution sabotiert. Die UNO ist in der Syrienfrage schlicht nicht handlungsfähig. Doch die Raketenangriffe vom Samstag demonstrieren auch die Machtlosigkeit des Westens, dem jede Syrien-Strategie fehlt. Der frühere US-Präsident Barack Obama hätte den Konflikt allenfalls in der Anfangszeit beenden und damit Hunderttausenden von Menschen das Leben retten und millionenfaches Flüchtlingselend verhindern können. Mit seiner Unentschlossenheit und Handlungsschwäche jedoch hat Obama alle Optionen sukzessive verbaut. Deshalb kann der Westen in Syrien heute nichts mehr bewegen und muss zulassen, dass Russland sich dauerhaft eingenistet und das Assad-Regime stabilisiert hat, das militärisch und politisch am Ende war. Die Zukunft Syriens dürfte in Moskau, Teheran und allenfalls in Damaskus entschieden werden, aber gewiss nicht in Washington oder New York.

Assad ist einmal mehr ungeschoren davongekommen

Auch der Raketenbeschuss vom Samstag hat diese Hilf- und Perspektivlosigkeit illustriert. Denn wäre es den drei Westmächten um mehr als eine symbolische Gebärde gegangen, hätten sie ganz anders zuschlagen müssen. Man weiss sehr genau, wo in Damaskus, Latakia, Tartus und anderen Hochburgen die Paläste Assads und seines Clans, die Regierungsgebäude, die wichtigsten Parteibüros und die Zentralen der Streitkräfte und der diversen Geheimdienste lokalisiert sind. Aber man hat alles vermieden, um das Regime in seinem Inneren zu treffen oder gar zu destabilisieren; Assad ist einmal mehr ungeschoren davongekommen.

Stattdessen ist die Annahme realistisch, dass der Krieg weitergeht. Gebiete unter türkischer Kontrolle und das Grenzgebiet zu Israel sind für Assad vorerst tabu; zu gross sind die Risiken. Er wird wohl als Nächstes die Rückeroberung von Regionen im Umkreis von Damaskus und Homs starten, wo keine ausländischen Mächte präsent sind. Falls sich die Amerikaner wie angekündigt aus dem Nordwesten des Landes zurückziehen, könnte er versucht sein, als Nächstes gegen die Kurden vorzugehen, die dort weite Gebiete kontrollieren. Neue Massaker, neue Flüchtlingsströme wären programmiert. Dass die Verhandlungen in Genf Resultate erbringen könnten, wie US-Verteidigungsminister James Mattis spekulierte, ist höchst unwahrscheinlich: Die Gespräche sind mehr oder weniger tot. Stattdessen ist zu befürchten, dass die Zivilbevölkerung in umkämpften Regionen weiteren Gräueln schutzlos ausgesetzt wird.