Beim Reiseveranstalter Globetrotter freut man sich nicht auf Donald Trump. Die Schweizerinnen und Schweizer würden wegen des neuen US-Präsidenten weniger zahlreich nach Amerika fliegen, prognostiziert das Unternehmen. Schon unter George W. Bush seien die USA-Reisen zurückgegangen, um dann unter Barack Obama wieder zuzunehmen, sagte eine Globetrotter-Sprecherin. In Deutschland kursieren ähnliche Voraussagen. Eine Umfrage ergab, dass jeder dritte Urlauber wegen Trump auf Ferien in den Vereinigten Staaten verzichten möchte.

Demokratische US-Präsidenten waren in Europa schon immer beliebter als republikanische. Der Grund liegt nahe: Ihr Politikverständnis ähnelt dem europäischen. Sie wollen einen starken Staat, gut ausgebaute Sozialwerke und internationale Kooperation. Die Europäer glauben darum, Demokraten seien besser für sie als Republikaner, die vor allem eines wollen: tiefe Steuern. Aus Schweizer Sicht mutet die Schwärmerei für die beiden letzten Demokraten im Weissen Haus, Bill Clinton und Barack Obama,allerdings irrational an. Denn das Verhältnis unseres Landes zu den USA wurde in der jüngeren Vergangenheit durch zwei grosse Krisen belastet, und beide fielen in eine demokratische Ära: die Affäre um nachrichtenlose Konti (Clinton) und der Steuerstreit (Obama).

Irrational ist aber vor allem, wie sehr man in Europa die USA mit ihrem jeweiligen Präsidenten gleichsetzt. Wir mögen Amerika, solange es von Obama regiert wird. Wir verachten Amerika, sobald Trump übernimmt. Als wären die USA ab dem 20. Januar 2017 ein anderes Land!
In der Mediengesellschaft, wo nicht nur die Politik, sondern ganze Länder personifiziert werden, kann dies aber nicht erstaunen. Die Faszination für den mächtigsten Mann der Welt ist grösser denn je, das widerspiegelt sich nicht nur in der realen, sondern auch in der fiktiven Welt. TV-Serien, in denen sich alles um den US-Präsidenten dreht, feiern Grosserfolge.Die Netflix-Produktionen «House of Cards» und «Designated Survivor» beispielsweise sind auch in Europa ein Hit.

Politischer Bedeutungsverlust

Die Gleichsetzung der USA mit ihrem Präsidenten ist darum irrational, weil heute Amerikas Macht weniger politisch als technologisch und ökonomisch begründet ist. Es ist nicht mehr Washington, es ist vielmehr das Silicon Valley, das unser Leben verändert. Vor zehn Jahren hat Apple-Gründer Steve Jobs das iPhone vorgestellt. Allein die Erfindung des Smartphones hat unseren privaten und beruflichen Alltag ebenso wie unsere Volkswirtschaft tiefgreifender umgekrempelt als sämtliche Entscheide des Weissen Hauses in dieser Zeit. Die vierte industrielle Revolution – sie hat ihren Ursprung in den USA und breitet sich global aus.

Seit dem Aufstieg Chinas wurde den USA wiederholt ein Bedeutungsverlust prognostiziert. Politisch mag der Einfluss Amerikas schon grösser gewesen sein – man sieht es beispielsweise im Nahen Osten und insbesondere in Syrien, wo sich die USA heraushalten. Die Wirtschafts- und Technologie-Macht Amerika aber strotzt vor Kraft. Fast alle «disruptiven Innovationen», also neue digitale Angebote, die weltweit ganze Branchen umpflügen, stammen aus den USA. Nach einer ersten Welle mit Apple, Google, Amazon und Facebook rollt nun die zweite Welle an, mit Firmen wie Uber, Airbnb und Tesla. Und auch der kulturelle Einfluss bleibt ungebrochen, ja er scheint in Verbindung mit neuen digitalen Medien noch zu wachsen: Die beliebtesten Filme, Serien und Songs kommen im Zeitalter des grenzenlosen Streamings aus den USA.

Die Privatisierung der Macht

Amerikas Macht wurde privatisiert. Sinnbildlich dafür steht die Raumfahrt: Die ehrgeizigsten Pläne hat heute nicht mehr die staatliche Nasa, sondern der Silicon-Valley-Guru Elon Musk, der den Mars kolonialisieren will.

Dem Staats-Abbauer und Anti-Politiker Donald Trump müsste das eigentlich gefallen, aber darin liegt ja eine Ironie dieser Geschichte: Gewählt worden ist Trump auch wegen seiner Rhetorik gegen Freihandel und Globalisierung, ohne die Amerika nicht diese Wirtschaftsmacht hätte. Sein Kabinett besteht allerdings mehrheitlich aus schwerreichen, international orientierten Unternehmern und Bankern, sodass kaum anzunehmen ist, dass Trump die USA im Sinn seiner Rhetorik abschotten wird. Aber wir wissen es nicht.

Der gewählte Präsident bleibt unberechenbar. Sein Verhältnis zu Russland, sein Gebaren als Unternehmer – alles höchst fragwürdig. Und Trumps Persönlichkeit: Sie irritiert in der Schweiz, wo es Angeber und Selbstdarsteller in der Politik selten weit bringen, ganz besonders. Aber Trump ist ja auch nicht unser Präsident. Man sollte ihn,
wenn er nächste Woche sein Amt antritt, an seinen Taten messen – und ihn nicht mit Amerika gleichsetzen. Denn die Vereinigten Staaten sind weit mehr als ihr Präsident.