Analyse

Der Sport ist krank am Kopf

Franz Beckenbauer und die WM 2006 in Deutschland. Hat er illegal nachgeholfen?

Franz Beckenbauer und die WM 2006 in Deutschland. Hat er illegal nachgeholfen?

Die Analyse zum neuen Chlapf im Club der Funktionäre: Ermittlung gegen Kaiser Franz.

Achtung, eine Warnung. Und eine Bitte, liebe Leser: Gewarnt wird vor der Litanei im nächsten Abschnitt. Gebeten wird sodann darum: Fragen Sie sich, in welche Lage, welche Stimmung Sie die Litanei versetzt. Lassen Sie die Litanei einfach wirken, als Klang- und Namensbrei. Und dann hören Sie einfach auf den Bauch. Vielleicht gibt’s danach kein Halten mehr. Vielleicht lassen wir uns vom Sport nie mehr verscheissern. Und die Luft im Stadion wird endlich mal etwas reiner.

Hier die Litanei: Jack Warner. Mohamed bin Hammam. Julio Grondona. Sepp Blatter. Franz Beckenbauer. Ismail Bhamjee. João Havelange. Ricardo Teixeira. Michel Platini. Costas Takkas. Jeffrey Webb. Julio Rocha. Theo Zwanziger. Horst Rudolf Schmidt. Wolfgang Niersbach. Jacques Rogge. Issa Hayatou. Lamine Diack. Jean-Marie Weber. Pat Hickey. Witali Leontjewitsch Mutko. Gregori Rodschenkow. Julija Andrejewna Jefimowa. Uli Hoeness … Deutsche, Franzosen, Katarer, Russen, Argentinier, Brasilianer, Kameruner, Schweizer, Trinidader, Senegalesen … wir hören auf. Dabei haben wir erst mal nur Atem geschöpft. Und jede Verknüpfung der Namen, statt Ordnung zu schaffen, wird ihrerseits zum Labyrinth. Herkömmliche Metaphern hierfür – «Sumpf» oder «Augiasstall» – wirken niedlich bei solchen Dimensionen.

Und jetzt: Wie fühlen Sie sich? Gemischt? Etwas zwischen Ärger, Überdruss und Resignation? Man kann es verstehen. Gefühle sind immer durchmischt. Das lehrt die Quantenphysik; innerste Bewegung und Energie sind wolkig, direkt nicht zu fassen, geschweige denn «objektiv». Das heisst nicht, dass sich der Bauch hier täuschen würde. Und der Bauch hat mindestens Bauchgrimmen bei so viel eingesickertem Gift.

Schon die Fussball-EM war belastet. Wegen der Skandale um die Uefa, der Hooligans und Vandalen. Wurden die – übrigens – auf russischer Seite tatsächlich vom Staat aufgehetzt? Glaubt jemand, das werde man mit Gewissheit je erfahren? Eher schafft der Verband hundert Ethikkommissionen mehr, alle intern selbstverständlich, als auch nur einen einzigen dubiosen Fall selber restlos zu klären. Dann folgte nahtlos Olympia – noch durchzogener: Wie bei der Fifa im Zürcher «Baur au Lac» erlebten wir auch hier eine Verhaftung im Morgentau: IOC-Erzherzog Pat Hickey (71), eng vertraut mit dem deutschen IOC-König Thomas Bach, wurde im Hotel abgeführt, Verdacht auf Schwarzhandel. Das ergab wieder Litanei, von der Sorte IOC: «Wir werden mit den Behörden umfassend kooperieren.»

Vor allem aber kontaminierte der Skandal um Staatsdoping die Spiele von Rio. Ganze Kohorten von Athleten wurden entlarvt als Sünder mit Falschurin. Es folgte ein jämmerliches Zeitschinden und Winden zwischen IOC und Verbänden. Wird das jetzt ständig olympische Disziplin: einander heisse Kartoffeln zuwerfen? Wenn man von der Luxuskamarilla endlich Mumm erwartet ... ja, sie waren furchterregend mutig: Statt Russlands Athleten bannen sie jetzt gnadenlos dessen Para-Olympioniken. Verkrüppelte Gewissen halten sich schadlos an Gelähmten.

Diese Woche nun brachte Ermittlungen durch plebejische Behörden gegen das «Sommermärchen»-Quartett Beckenbauer, Zwanziger, Niersbach und Schmidt. Neue Granden, aber nichts Neues im Prunksaal des Sports? Doch, schrieb gestern die «Süddeutsche Zeitung», als riebe sie sich die Augen: «Der neue Schweizer Weg. Selbst wenn es um mögliche Wirtschaftskriminalität geht, wird ein Fall offensichtlich nicht mehr danach beurteilt, wie prominent die Beschuldigten sind.» Donnerwetter! Wie lange steht in westlichen Demokratien Justitia schon mit Augenbinde auf dem Sockel? Seit dieser Woche erst? Was sagen des Kaisers Paragrafen-Luchse? Der Mann habe die Bundesanwaltschaft «unterstützt» und «konstruktiv mitgewirkt». Kaiser und Getreue stehen erst in Verdacht ungetreuer Geschäftsführung, Geldwäscherei und Betrugs. Ihre Litanei mehrt trotzdem das Geschwür im Bauch.

Big Sport als Big Business ist an allen Gliedern krank. Besonders aber im Kopf. Aus einem simplen Grund: corpore sano ohne mens sana – das kommt nie gut. Der Körper dreht leer, wenn der Geist verdirbt. Okay, Geist ist keine feste Grösse, allzu wolkig, «objektiv» nicht fassbar. Nicht zählbar wie neunzig Spielminuten und hundert Fränkli-Millionen. Die mens sana ging allgemein vergessen. Deshalb hat die moderne Gesellschaft genau den Sport, den sie verdient.

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