Sozialdemokraten in Ekstase. Jubelnd, sich an sich selbst berauschend und an einer Idee: Endlich wieder Kanzler sein. Schulz sei Dank. 100 Prozent der SPD-Delegierten am Berliner Parteitag Mitte März wollten, dass Martin Schulz die geprügelte Partei wieder gross macht. Als Heiland gepriesen, zum «Gottkanzler» stilisiert, nahm er die Bürde auf sich. «Wenn ich Kanzler bin», begann Schulz fortan seine Sätze. «Sankt Martin», riefen sie ihn.

Das ist gerade einmal zwei Monate her und wirkt doch wie aus einer anderen Zeit. Nach der Klatsche bei der Saarland-Wahl und der Abwahl des SPD-Ministerpräsidenten in Schleswig-Holstein fragte der «Spiegel» vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen (NRW): «Sinkt Martin?» Seit Sonntagabend kennen wir die Antwort: Martin sank. Wie tief, lässt sich noch nicht sagen. Aber klar ist, dass er von der unglaublichen Euphoriewelle, auf der er ins Kanzleramt reiten wollte, erstmal abgeworfen wurde. Die Genossen zweifeln, der eine oder andere denkt bereits darüber nach, ob nicht doch Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz der bessere Schulz gewesen wäre.

Wie ist das zu erklären?

Man muss fast Mitleid haben, so traurig wie Schulz gucken kann

Dass der Hype um Martin Schulz überhaupt aufkommen konnte, ist eine unglaubliche Entwicklung in einer Partei, die jahrelang am Boden lag. Aber vielleicht ist genau das die Erklärung: Die Genossen hatten sie derart nötig, diese Aussicht auf Macht, dass sie – mit tatkräftiger Unterstützung der Medien – die Jubelstimmung zu weit trieben. Die Euphorie innerhalb der Partei wurde so stark aufgebläht, dass man das Gefühl haben musste, ganz Deutschland reisse es dank Schulz vom Sofa. Gut möglich, dass die anfängliche Omnipräsenz des Kandidaten auf merkelmüde Deutsche interessant wirkte. Das war’s dann aber auch schon. Es nährt sich der Verdacht, dass der Schulz-Hype nie über die Grenzen der SPD hinaus ernstzunehmende Wirkung entfalten konnte. Vor lauter Jubel um die Person hatten die Genossen vergessen, dem Kandidaten ein paar tragfähige Inhalte mit auf den Weg zu geben. Dafür gab es jetzt die Quittung.

Muss man nun Mitleid haben mit einem von seiner Partei blind nach vorn gepeitschten Kandidaten, der gar nie hätte einlösen können, was seine Parteifreunde in ihm sehen wollten? Mitnichten – auch wenn er sehr traurig dreinblicken kann, wie nach der NRW-Wahl. Denn ein Getriebener ist Schulz nicht. Zumindest nicht von aussen. Er hat den Personenkult selbst forciert. So wird ein kurzes Video zum Sinnbild des verpufften Hypes um Schulz. Aufgenommen zur eigentlichen Hochzeit des Wirbels vor seiner Inthronisierung. Es zeigt den Kandidaten vor SPD-Anhängern in Würzburg. Sie empfangen ihn mit Beifall – doch Schulz reicht das nicht. «Fangt doch mal an zu rufen», fordert Schulz seine Anhänger auf. «Martin rufen!» Ein wenig Inszenierung gehört freilich zu jedem Wahlkampf. Doch wer ein Hinterher-sind-wir-alle-schlauer-Bild für den Schulz-Effekt sucht: bitte sehr.

Der Kanzlerkandidat gab alles im NRW-Wahlkampf – ohne Erfolg

Bleibt die Frage: Wars das jetzt mit der Machtoption? Ist die SPD auf Bundesebene schlicht zum Verlieren verdammt? Am Sonntag wurden Hannelore Kraft und ihre rot-grüne Regierung abgewählt. Nicht Martin Schulz. In Nordrhein-Westfalen regierte die SPD kraftlos, jetzt ist das Land Kraft los. Dass ihre Abwahl jedoch nun, zu Recht, auch auf Schulz zurückfällt, liegt daran, dass er sie nicht verhindert konnte. Und es ist nicht etwa so, dass er es nicht versucht hätte: 30 Mal trat Schulz in seiner Heimat im Wahlkampf auf. Er wusste: verliert die SPD im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland, wird es auch im Bund zappenduster. Doch überzeugen konnte er die Wähler nicht.

Dass man als Phantomkandidat durchaus gewinnen kann, bewies derweil Christian Lindner: Der FDP-Chef holte das beste NRW-Ergebnis aller Zeiten, obwohl er von Anfang an klarmachte, im Herbst nach Berlin zu wechseln und kein Amt in NRW zu übernehmen. Die Leute störte das nicht. Schulz dagegen taugte nicht als Mobilisierer, die Landtagswahl letzten Sonntag wurde für die SPD zum Debakel – was sich wiederum negativ auf die Chancen von Schulz bei der Bundestagswahl auswirkt. In Nordrhein-Westfalen offenbarte sich die Schwäche des Kanzlerkandidaten. Wenn die SPD nicht schleunigst ihre Strategie überdenkt, fällt sie im September tief.