Russland

Der Schatten des Fussballs

Wladimir Putin

Wladimir Putin

In die Enttäuschung über die Niederlage im Viertelfinal mischt sich Stolz.

Zum Viertelfinal gegen Kroatien hat Wladimir Putin seinen Regierungschef auf die Tribüne geschickt. Er selbst sah sich das Ausscheiden der Nationalmannschaft im Fernsehen an. Warum sich noch im Stadion zeigen, wenn es auch ohne ihn, den Staatschef, rund läuft? Die Welt spricht von ausgelassenen Feiern auf russischen Strassen, von lächelnden Polizisten, von Tänzen und Verbrüderungsszenen. Die WM macht aus einem vermeintlich mürrischen, grauen Russland ein offenes und zugängliches Russland. Das bleibt bei den Menschen, die dabei waren, den Ausländern, den Russen. Bei Menschen, die weniger über die Krim reden wollten als über die Frisuren der Spieler.

Die WM ist ein Karneval in seinem tieferen Sinn. Einen Monat lang hebelt man die Regeln auf und probiert hinter Masken neue Rollen aus, probt den Rausch, lässt den Druck aus dem Kessel aus. Die WM ist gerade in einem autoritär regierten Land ein praktisches Ventil – nach innen wie nach aussen. Während der Ball rollt, spricht kaum einer über den hungerstreikenden ukrainischen Regisseur Oleg Senzow, der nach einem kafkaesken Urteil seit bald zwei Monaten in russischer Haft das Essen verweigert. Die Nachricht von einer erneuten Verhaftung des Menschenrechtlers Juri Dmitrijew, der für die Opfer des Stalin-Regimes kämpft, wird da zu einer Randnotiz, selbst die Erhöhung des Rentenalters – in Russland hoch umstritten – fällt im bunten Treiben rund um den Fussball kaum ins Gewicht.

Die fröhlichen Bilder aus Russland sind in dieser Zeit allgegenwärtig. Doch was sind vier Wochen Spiele samt unpolitischer Party gegen die Zeit, die nach diesen Spielen kommt? Ein Wandel ist es nicht.

ausland@azmedien.ch

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