Service public

Der Pöstler: früher Freund der Familie – heute Zustellungs-Athlet

Es muss schnell gehen bei der Post. Das liegt auch an uns Konsumenten.

Es muss schnell gehen bei der Post. Das liegt auch an uns Konsumenten.

Peach Weber widmet seine aktuelle Kolumne dem Briefträger, dem einstigen Freund der Familie und Tröster einsamer Hausfrauen. Er schreibt: «Aus dem gemütlichen, ein munteres Liedchen pfeifenden Briefträger ist ein rasender Spitzensportler geworden.»

Ich muss vielleicht vorausschicken, seit ich im wunderschönen Hägglingen wohne (auf den Blumenstrauss des Verkehrsvereins freue ich mich), also seit etwa zwanzig Jahren, hat mein Büro ein grosses Fenster zur Quartierstrasse. Ich sehe alles, was da kreucht und fleucht, wer wann zur Arbeit geht, wer mit dem Hund vorbeispaziert und, weil es eine Sackgasse ist, weiss ich auch: Wenn ein Lieferwagen mit ausländischen Kennzeichen vorbeifährt und nach einer Minute wieder zurückkommt, dann sitzen dadrin Gauner, die Leute reinlegen wollen. Sie möchten den Vorplatz oder das Dach reinigen und zocken dann meistens ein älteres Ehepaar ab. Deshalb melde ich die Nummer immer der Polizei, so bin ich halt, ein uneigennütziger Quartier-Sheriff. Aber genug des Lobes über meine Wenigkeit.

Dank meines Bürofensters sehe ich auch jeden Tag den Pöstler oder die Pöstlerin ihren Dienst tun, und meine Bewunderung ist fast grenzenlos. Was sich da nur schon in den zwanzig Jahren verändert hat. Aus dem gemütlichen, ein munteres Liedchen pfeifenden Briefträger ist ein rasender Spitzensportler geworden, Chapeau! Die Veränderung kam aber nicht freiwillig, nein, durch immer wieder neue Sparmassnahmen musste er/sie sich anpassen, sonst wären er/sie von der postalischen Evolution aussortiert worden.

Diese Verschnellerung, die bald schon ein Fall für die Menschenrechtskommission werden könnte, habe ich von Jahr zu Jahr beobachten können, und heute sehe ich diese Athleten, wie sie schon beim Zufahren nach hinten greifen, ein neues Bündel nehmen, damit sie nur zwei/ drei Sekunden anhalten müssen, um die zehn Kilo Fanpost, die ich täglich erhalte, einzuwerfen.

Ich sage ja immer spasseshalber in meinem Programm, dass es bei der Post schon noch Sparmöglichkeiten gäbe, da ja dort alleine 800 Leute arbeiten, um die B-Post zurückzuhalten. Aber wer ist schuld an der Sparerei, die böse Post? Zum Teil vielleicht schon, aber zum grossen Teil befeuern wir alle diese Entwicklung durch unsere unsägliche Gratis-Mentalität und Schnäppchen-Jägerei. Natürlich gibt es auch bei uns Leute, die jeden Franken zweimal umdrehen müssen und deshalb auf günstige Angebote angewiesen sind. Aber inzwischen ist es zu einer flächendeckenden Seuche geworden. Leute fahren mit ihrem SUV, der sicher zehn Liter Diesel «suvt», ins benachbarte Ausland, um dort ein Joghurt zu kaufen, das 10 Rappen billiger ist.

Aber zurück zu meinen Helden des Alltags. Wenn wir sogar fünfzig Jahre zurückblicken, dann wird es ganz nostalgisch: In dieser Zeit war der Briefträger noch ein Freund der Familie. Da und dort wurde er zu einem Kafi mit oder ohne Güggs eingeladen und erzählte einem noch die neuesten Nachrichten aus dem Dorf. Oft war er sogar noch mehr, nämlich Tröster der einsamen Hausfrauen, und so manches Kind glich dem Pöstler mehr als dem Ehemann. Darüber wurde aber höchstens gemunkelt, und mancher Ehemann war sogar froh, dass ihn dafür abends seine Frau in Ruhe liess. Das war irgendwie «service public».

Das Sympathische am Briefträger ist ja, dass er nicht nur schlechte Nachrichten bringt: KK-Prämienrechnungen und andere Erpresserbriefe, Todesanzeigen, Steuerbescheide. Er bringt auch positive: Geburtstagskarten, Liebesbriefe, Heiratsanzeigen (sind ja sehr positiv, wenn man nicht Betroffener ist) usw.

In den Zeitungen hingegen liest man ja zumeist nur negative Meldungen, da spüre ich als Unterhalter eine Verantwortung, Ihnen mit einer positiven Meldung den trüben Tag zu versüssen. Also nehmen Sie bitte eine bequeme Lese-Position ein, es geht los: Beznau läuft wieder, juhui! Gut, ich schreibe diese Kolumne ja immer ein paar Tage, bevor sie erscheint, ja, ich gebe zu, das passiert nicht live, deshalb kenne ich den aktuellen Stand nicht, aber ich hoffe doch, dass die Perle unter den AKWs wieder sauberen, günstigen Strom produziert. Die ewigen Meckerer sagen zwar, die alte Tante habe offene Beine und Arthrose, das aber sind natürlich «fake news». Die Fachleute vom Ensi haben versichert, dass die alte Dame mit einem neuen Hüftgelenk absolut sicher noch ein paar Jahrelaufen kann. Sie werden auch persönlich die Verantwortung übernehmen und, sollte der absolut unwahrscheinliche Fall eintreten, dass die Tante doch über den Rollator stolpert und wir umgesiedelt werden müssen, uns beim Umzug tatkräftig helfen. Im Engadin hat es ja noch viel Platz und viel mehr Sonne.

Manchmal kommt mir der Mann in den Sinn, der aus dem 40. Stock fällt und so auf Höhe des 2. Stocks frohlockt: Bis jetzt ist alles gut gegangen.

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