Auspuffklappen gehören dicht gemacht, finde ich. Sobald ich das öffentlich sage, reagiert mindestens einer wütend: Diese ewige Verteufelung des Autos! Was hast du gegen den Individualverkehr?! Nein, ich verteufle nichts, schon gar nicht das Auto, das finde ich nämlich prima. Ich habe nur etwas gegen den motorisierten Quartier-Terror durch libidinös unterversorgte Auspuff-Machos.

Ich höre oft, das Problem heute sei, dass die Leute so stur an ihrer Meinung festhielten. Das sehe ich genau umgekehrt. Ich glaube, die allermeisten Leute haben gar keine Meinung, jedenfalls keine regelrecht eigene. Wo wir meinen, meinen wir kollektiv. Unsere Überzeugungen funktionieren gruppenmässig, und das umso sturer: Die Auspuff-Klappe gehört zum Auto, also verteidigt die Auto-Gruppe jedes Geröhre, auch wenn das urbane Leben zugedröhnt wird. Umgekehrt, doch ebenso rigid reagiert die Velo-Gruppe, dito die Atheisten-Gruppe, die Veganer-Gruppe etc.

In der Gruppe braucht es weniger Gehirn

Zufällig las ich eben, warum das so sein könnte: Britische Wissenschafter untersuchten 61 Specht-arten. Dabei stellten sie fest: Spechte, die in Gruppen gegen Baumstämme hämmern, haben bis zu 30 Prozent kleinere Hirne als ihre Verwandten, die individuell am Baum arbeiten. Was war zuerst, kann man fragen: das kleine Hirn oder die Gruppenmentalität? Doch klar ist: Als Gruppe brauchen wir weniger Hirn, es läuft bequemer – und wenns schiefgeht, bin ich nicht verantwortlich.

Im Zweifelsfall für Gruppendruck. Der funktioniert bei top Ausgebildeten genauso. Akademikern kann man leicht einreden, ein Text sei einsame Klasse, intellektuell wie stilistisch – obwohl ihn bei privater Lektüre alle als akademischen Müll empfinden würden oder müssten. Durchgereicht ist der Fall Alan Sokol. Der Physiker montierte 1996 absichtlich einen komplett unsinnigen Text zusammen und reichte ihn der Zeitschrift «Social Text» ein, die ihn leichtgläubig publizierte. Weil keiner sich blamieren wollte, blamierten sich schliesslich alle.

Konformitätsdruck spielt schon bei ganz einfachen Dingen. Der Psychologe Salomon Asch stellte Versuchspersonen die simple Aufgabe, Striche als gleich oder unterschiedlich lang zu bewerten. Ein Kinderspiel, das jeder fehlerfrei schaffte, solange er allein im Raum war. Das Urteil wankte, sobald zwei andere (auf Instruktion des Übungsleiters) ein einheitlich falsches Urteil abgaben. Dann liefen die nicht eingeweihten Probanden scharenweise zur Mehrheit über. Nur jeder Vierte blieb standhaft bei seiner – evident richtigen – Einschätzung.

Je vieldeutiger die Fakten, umso schamloser die Willfährigkeit, der Mehrheit zuzustimmen. Etwa in politischen, kulturellen Dingen. Was soll als Kunst gelten? Wie soll da der Einzelne seine Meinung bilden? Zu mühsam. Ist zum Beispiel Jean Tinguelys Wahnsinnplastik «Heureka» Kunst oder Schrott? 1968 wurde sie provisorisch im Zürcher Seefeld platziert – trotz Protesten der Anwohner gegen den «Schrotthaufen». 2011 wurde die Plastik nach Amsterdam ausgeliehen – unter abermals wütenden Protesten: Dieselben Leuten sahen im «Schrotthaufen» jetzt grosse Kunst, genauer: «ihr» Kunstwerk.

Was mit Schwarmintelligenz nicht gemeint ist

Sind Gruppenmeinungen also lernfähig? Kommt drauf an, wer mit Lernen beginnt. Die Gruppe will geführt werden. Die Einzelnen sind beinahe schamlos bereit, sich der Mehrheit anzuschliessen.

An der Stanford University führte ein Team um Dale T. Miller folgendes Experiment durch: 52 Personen mussten die Qualität von drei angeblich unterschiedlichen Weinen testen. Tatsächlich waren die Proben A, B und C identische Weine, allerdings hatte man die Probe C mit Essig praktisch ungeniessbar gemacht. Die Probanden absolvierten den Test entweder solo oder in einer Runde mit vermeintlich anerkannten Weinexperten, die mehrheitlich Probe B als «ungeniessbar» abwerteten.

Das Fazit: Auf sich allein gestellt erkannten alle Teilnehmer Probe C als essigversauten Tropfen. Unter Gruppendruck liess sich jedoch jeder Zweite den eigenen Geschmack ausreden und gab der Probe B die rote Karte. Schlimmer noch: Ausgerechnet diese Überläufer hackten hinterher am heftigsten auf den «unsolidarischen» herum, die sich ihr Essigurteil C nicht ausreden liessen.

Mit «Schwarmintelligenz» war mal etwas ganz anderes gemeint, oder?