Gastkommentar

Der Kampf dem Fake-News-Virus

Wo hört die Informationspflicht auf und wo beginnt der Hype?

Wo hört die Informationspflicht auf und wo beginnt der Hype?

Das Corona-Virus verursacht eine Pandemie. Fake News und Verschwörungstheorien verbreiten sich fast noch schneller und werden zur Infodemie. Wenn so viel Falsches behauptet wird, haben Fachleute kaum Chancen, gehört zu werden. Das darf uns nicht gleichgültig sein.

Die Welt kämpft aktuell gegen das Coronavirus, gegen eine Pandemie. Das ist schlimm genug. Die Welt kämpft gleichzeitig auch noch gegen eine sogenannte "Infodemie", also gegen die schädliche und schnelle Ausdehnung von Falschinformationen. Das ist eine toxische Mischung: Ein Virus, das sich rasant verbreitet, gekoppelt mit einer Ladung an Fake News, Verschwörungstheorien und Gerüchten, die via Beschleunigungsmaschine Social Media herumgejagt werden. Das darf uns nicht gleichgültig sein.

Natürlich ist es per se ein publizistisches Dilemma. Wo hört die Informationspflicht auf und wo beginnt der Hype? Wo hört die Aufklärung auf und wo beginnt die unnötige Panikmacherei und Übertreibung? Das müssen wir uns auf den Redaktionen täglich kritisch fragen. Wir sind im Livetickermodus, vermelden steigende Fallzahlen, setzen auf Reportagen, Erklärungen und Einordnungen. Ja: Es ist anspruchsvoll, die richtige Balance zu finden, aber ehrlich gesagt: noch anspruchsvoller ist der Kampf gegen Fake News.

Im Netz kursiert eine Fülle von heiklen Videos, die viral gehen, geteilt werden, und – einmal in die Erregungsdrehscheibe eingespiesen – via Algorithmen weitere Fake News hochspülen. Ein Video zeigte beispielsweise Menschen, die angeblich wegen des Coronavirus von einer Sekunde auf die andere tot umfallen. Anderswo warnt eine Krankenschwester vor einer zweiten, extremen Mutation, mit der das Virus noch tödlicher geworden sei.

Die Sache verharmlosen darf niemand. Aber gerade in diesen besonderen Zeiten ist sorgfältige Information zentral. Darum sind Faktencheck-Teams wichtiger denn je. So haben wir bei SRF gewisse Inhalte genau analysiert; Aussagen, die kursieren, mit Infektiologen und Virologen gespiegelt; die Quellen der Videos recherchiert. Wir haben beispielsweise die Aussagen jener Krankenschwester von unserer China-Korrespondentin übersetzen lassen. Resultat: Die Frau verliert im Originalmaterial kein Wort über eine extrem gefährliche Mutation. Die befragten Wissenschaftler entlarvten für uns gleichzeitig alle anderen Falschaussagen und Halbwahrheiten mit einer klaren Begründung.

Worauf ich hinaus will: Diese besonderen Zeiten unterstreichen, wie sehr sich auch der journalistische Auftrag neu akzentuiert. Heisst, in der heutigen Zeit reicht es nicht mehr, seriös und verlässlich zu informieren, zu zeigen, was ist. Es ist zusätzlich die Aufgabe der Medien zu zeigen, was nicht ist, was nicht stimmt. Zu erklären, warum eine Information falsch, aus dem Kontext gerissen oder schlicht klickgenerierende Angstmacherei ist. Es reicht nicht mehr, sich über Falschinformationen zu beklagen, sie müssen demontiert und richtig gestellt werden.

Ich habe mit unserer Wissenschaftsredaktorin Katrin Zöfel gesprochen. Auch sie betont, wie auffällig es aktuell ist, mit welcher Vehemenz seriöse Informationen von Wissenschafterinnen oder Wissenschaftsjournalisten in Zweifel gezogen werden. Zudem hat die Weltgesundheitsorganisation gewarnt, dass die Fachleute mit ihren Aussagen nicht mehr durchdringen, weil so viel Falsches kursiert. Wenn online behauptet wird, dass Desinfektionsmittel nichts taugen, dass acht Knoblauchzehen auf sieben Tassen Wasser eine Infektion heilen, dann ist das nicht nur falsch, sondern gefährlich.

Das Verhalten der Menschen ist entscheidend bei der Eindämmung des Virus. Die WHO nimmt die grossen Social-Media Unternehmen in die Pflicht und setzt ein Team ein, das Falschinformationen etwas entgegen zu halten versucht. Richtig so. Für den gleichen Zweck hat die britische Regierung in dieser Corona-Krise eine Gruppe zusammengestellt. Und: Auch Eltern stehen in der Verantwortung. Sie müssen ihre Kinder fragen, woher sie Informationen beziehen, wie viel sie wissen oder zu wissen glauben und aufzeigen, wem sie – auch auf Social Media – vertrauen können.

Wir alle zusammen sind also gefordert. Für uns Medienschaffende unterstreicht es: Journalismus ist keine von der Gesellschaft losgelöste Disziplin mit starren Handwerks-Regeln. Es gilt, das Schaffen kritisch zu hinterfragen, anzupassen. Dazu gehört nun – und das zeigt die Coronakrise deutlich –noch viel entschlossener mit verlässlicher Information Orientierungshilfe zu leisten und gegen die Infodemie anzukämpfen.

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