Pro und Kontra

Der Gigathlon kommt nach Zürich: Macht es Sinn, sich sportlich zu schinden?

Elsbeth Winkler nach dem Start auf der Velostrecke beim Gigathlon in Aarau am Freitag, 10. Juli 2015.

Elsbeth Winkler nach dem Start auf der Velostrecke beim Gigathlon in Aarau am Freitag, 10. Juli 2015.

Der Schweizer Gigathlon findet am Wochenende im Raum Zürich statt: Urban Suffering. Eine Tortur bei Hitze, mit der Zunge am Boden und Glücksschwemme im Herzen. Ist die sportliche Selbstkasteiung sinnvoll? Die az-Redaktion ist sich uneins.

Der Artikel zur Debatte: Gränicher am Gigathlon: 7500 Kilometer, um sich wie ein Kind zu fühlen

Pro: «Hölle und Paradies an einem Tag – wo hat man das schon?»

Antonio Fumagalli, Inlandredaktor: «Das Leiden auf dem Rennrad ist gross, aber das Gefühl auf der Passhöhe entschädigt für alles – und es ist eine Metapher fürs Leben»

«Ich weiss noch genau, wie der Chefredaktor meines früheren Arbeitgebers eines Tages an meinem Pult stand und sagte: «Wir starten mit einem Redaktionsteam am Gigathlon – und du sollst unser Radfahrer sein!» Das war vor sechs Jahren.

Es war ja nicht so, dass ich bis dahin nie auf einem Velo gesessen wäre. Regelmässig verbrachte (und verbringe) ich einen Teil meiner Ferien damit, mit dem Tourenrad Europa zu erkunden. Aber über Alpenpässe war ich eher selten gekraxelt – und schon gar nicht gegen die Zeit.

Um am Gigathlon nicht vom Besenwagen eingesammelt zu werden, musste ich also fortan mit dem Rennrad trainieren. Ich fuhr mit dem Zug nach Göschenen und erklomm Realp und Nufenen. Ich mühte mich auf der Tremola ab. Ich genoss die Aussicht vom Susten. Um das Kilometerbolzen zu üben, fuhr ich gar an einem Tag um den Genfersee herum.

Seither denke ich mir bei jedem einzelnen Aufstieg: Warum genau tust du dir das an? Die Beine schmerzen, der Atem wird schwer. Aber dieses Gefühl auf der Passhöhe – es entschädigt für alles. In der Medizin würde man vom Endorphinausstoss sprechen. Auch bekannt als: Glück.

Natürlich ist die Aussicht auf die Alpenwelt atemberaubend, natürlich gibt es ein gutes Gefühl, zu merken, dass man fit ist. Der Spass am (kurzfristigen) Leiden geht aber darüber hinaus: Es zeigt, was alles möglich ist, wenn man nur den Willen dazu aufbringt. Und das ist nun wahrlich etwas, das man aufs ganze Leben adaptieren kann, auch auf das berufliche. Selbstverständlich wird aus einem Versicherungsvertreter nicht im Handumdrehen ein Astrophysiker, nur weil er gern möchte. Aber sofern man gewisse Grundvoraussetzungen mitbringt, versetzt der Wille bekanntlich Berge. Ob es nun eine bevorstehende Prüfung – oder eben ein Alpenpass ist.

Apropos: Ein Freund fragte mich kürzlich, ob ich mit ihm diesen Sommer das sogenannte Alpenbrevet absolvieren wolle. Das sind drei, vier oder fünf Pässe auf dem Rennrad am gleichen Tag, und am Ende kommt man wieder dort an, wo man gestartet ist. Ich weiss jetzt schon, es wird die Hölle. Und das Paradies, wenn wir dann abends ein Bier öffnen.»

Kontra: «Als müssten sie vor einem Tsunami flüchten»

Andreas Möckli, Wirtschaftsredaktor: «Es bleibt ein Rätsel unserer Zeit, weshalb sich viele unter uns, trotz Alltagsstress, bis zur Erschöpfung auch noch in der Freizeit quälen»

«Wir quälen uns doch schon genug. Warum – um Himmels willen – müssen wir uns dann auch noch in der Freizeit verausgaben, wenn der Arbeitsalltag doch schon stressig genug ist. Die Bürolisten hetzen von Sitzung zu Sitzung, hängen am Telefon, schlagen sich mit Kunden herum oder arbeiten stapelweise Dossiers ab, die eigentlich schon am liebsten gestern zu den Akten gelegt worden wären. Und dann ist da noch die E-Mail-Flut oder der Chef, der einem ständig im Nacken sitzt. Die Liste liesse sich beliebig verlängern.

Während die Bürolisten geistigen Hochleistungssport betreiben, mühen sich die Büezer auf dem Bau oder in den Industriehallen körperlich ab. Und nun kommen für sie noch Temperaturen von über 30 Grad hinzu. Wie ein Profi-Tennisspieler oder ein Marathonläufer müssen sie die Flüssigkeit, die sie durchs Schwitzen verlieren, laufend mit Wasser ersetzen.

Und nun wissen viele unter uns doch tatsächlich nichts Besseres, als sich auch noch in der Freizeit an das Limit ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit zu treiben. Als müssten sie sich vor einem Tsunami auf den nächstgelegenen Hügel flüchten, verausgaben sie sich zu Fuss, mit dem Velo oder schwimmend. Natürlich lässt sich das Ganze problemlos zu einem Triathlon oder Gigathlon kombinieren. Einzig der Himmel ist die Grenze.

Wie ernst es unseren Hobby-Hochleistungssportlern ist, zeigt auch ihre Ausrüstung. Als würden sie an der Tour der France teilnehmen und als Nächstes die Alpe d’Huez erklimmen, sind sie von Kopf bis Fuss wie Profisportler gekleidet. Auch sonst darf sich die Outdoor-Bekleidungsindustrie freuen, ist unseren sportfreudigen Zeitgenossen kein atmungsaktives, schweissabsorbierendes und schnell trocknendes T-Shirt zu teuer.

Gegen Sport an sich ist überhaupt nichts einzuwenden. Ein gesunder Ausgleich zum harten Arbeitsalltag, der für viele noch mit Familienstress verbunden ist, tut uns allen gut. Nichts also gegen eine gemütliche Velotour oder eine Joggingrunde im Wald. Weshalb man sich aber bis zur Erschöpfung auch noch in der Freizeit quälen muss, bleibt für mich ein Rätsel unserer Zeit. Doch letztlich muss man nicht alles auf dieser Welt verstehen.»

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