Kommentar

Der Geist, der weht, wo er will

Die Ausgiessung des Heiligen Geistes an Pfingsten.

Die Ausgiessung des Heiligen Geistes an Pfingsten.

Gastkommentar vom Priester und Religionslehrer Josef Hochstrasser zu Pfingsten: Einem durchaus komplizierten Fest.

«Pfingsten!» – «Bitte was?» – «Wir Christen feiern Pfingsten.» – «Kein Problem! Feiert ihr ruhig. Ich fliege über diese Tage nach Lanzarote.»

Eine Christin und ein Atheist in einem kurzen Wortwechsel. Aktuelles Spiegelbild unserer Gesellschaft. Fragen Sie in Ihrer Umgebung nach der Bedeutung von Pfingsten. Sie werden ein ernüchterndes Resultat ernten. Weihnachten weckt noch Emotionen. Bei Ostern hapert es schon. Aber Pfingsten? Was hat ein Ereignis, das zwei Jahrtausende zurückliegt, im 21. Jahrhundert noch zu suchen?

Der Mythos Pfingsten erzählt von einer wundersamen Verständigung unterschiedlichster Völker. Parther, Meder, Elamiter, Römer, Kreter, Araber hätten sich verstanden, erzählt die Bibel. Ein Blick in die heutige Welt zeigt ein ganz anderes Bild. Fake News grassieren um die Welt, bewusst gestreute Lügen. Fast ist man von gestern, wenn man diese neue «ethische Errungenschaft» nicht mitmacht. Wem aber kann ich im Zeitalter von Fake News noch trauen? Diese Frage ist nicht bloss den Religionen reserviert. Sie fordert alle Menschen dieses Planeten heraus.

Ein bitteres Spiel treiben Fake News im Schmelztiegel Syrien. Mit allen Mitteln drücken sie ihre Interessen durch: Türken, Syrer, Kurden, Saudis, Iraker, Russen, Amerikaner, Iraner. Wer will wen wirklich verstehen? Wo bleibt da nur ein Hauch von Pfingsten? Soll jemand behaupten, die biblische Geschichte von der babylonischen Sprachenverwirrung sei nur ein Märchen und darum belanglos. Drastischer als in Syrien könnte sich dieser Mythos nicht konkretisieren.

Pfingsten: Das Power-Fest

Hier setzt die Dynamik von Pfingsten ein. Das Fest bietet eine grosse Alternative, konkret etwa zur heillosen Verwirrung im aktuellen Syrienkonflikt. Pfingsten ist nicht bloss ein Mythos, vielmehr ein Power-Fest mit gesellschaftspolitischen Konsequenzen. Der Impuls für alle Zeiten und alle Kulturen lautet: Es ist möglich, einander zu verstehen und miteinander zu kooperieren, auch wenn wir nicht dieselbe Sprache sprechen und divergierende Interessen verfolgen.

Der junge Jude Jesus war ein Anti-Fake-News-Typ. Er war glaubwürdig. Sagte er etwas an, tat er es auch. Kündigte er an, einen Blinden zu heilen, dann heilte er ihn. Nicht physisch. Er verschaffte dem Blinden neue Perspektiven, begleitete ihn über längere Zeit, bis dieser wieder den Durchblick fand. Darin bestand das Wunder. Es war für alle Umstehenden nachvollziehbar. Kein Hokuspokus, kein Austricksen von Naturgesetzen.

Er verwest im Grab

Der Nazarener endete als Verbrecher am Römerkreuz. Er verweste im Grab. Für seine Auferstehung sorgte weder Gott noch er selber. Das übernahmen seine ersten Anhänger. Sie setzten sein Werk eines umfassenden Humanismus mit metaphysischem Tiefgang konsequent fort. Eine Welle der Begeisterung für ihren Jesus musste sie am ersten Pfingstfest der Geschichte erfasst haben. Das war aber kein Woodstock, keine trunkene La-Ola-Welle. Die Jesus-Bewegten blieben nüchtern, analysierten mit klarem Verstand die gesellschaftliche Lage ihrer Zeit und begannen, der dominierenden Weltmacht Rom ein alternatives Lebensmodell entgegenzustellen.

Das ist die Chance des Christentums auch in der Gegenwart. Konkret: Eine seiner prägendsten Säulen ist der konstruktive Umgang mit Andersdenkenden. Vom Pfingstgeist erfasst können Christen sich darin auszeichnen, selbst mit Gegnern oder gar Feinden auszukommen. Das ist ihr Markenzeichen, das sie unbeirrt leben sollen, auch wenn sie dafür belächelt werden.

Ich bin skeptisch, ob der Geist von Pfingsten die kirchlichen Institutionen noch zu befeuern vermag. Wenn ich taufe, traue oder beerdige, begegne ich mehr und mehr Menschen, die offener sind für die Sache Jesu als institutionelle Christen mit ihrem vordringlichen Hang zu Organisation, Verwaltung und Verarbeiten von Skandalen. Der pfingstliche Geist ist nicht den Kirchen reserviert.

Er weht, wo er will, bei allen, die sich von ihm beflügeln lassen. Dieser Geist ist zudem kein neurotischer Erbsenzähler. Das Gejammer um unaufhörliche Kirchenaustritte bringt nichts. Die positive Neugier hat Zukunft. Wo finden sich Menschen zusammen, die Jesu Lebensprogramm umsetzen und vor allem an die nächste Generation weitergeben wollen. Das werden kleine, offene und einladende Gemeinschaften sein. Dort kann der Pfingstgeist seine Feuerzungen fruchtbar niederregnen lassen.

Das Fest muss Konsequenzen haben

Zurückschauen, das erste Pfingstfest bewundern, in Gottesdiensten feiern und am Pfingstdienstag wieder zur Tagesordnung übergehen, das ist fatal. Das Fest muss Konsequenzen haben. Es gibt weltweit 2,2 Milliarden Christen. Wo zeigt sich deren Wirkung? Gewiss, Christen können nicht einfach mit den Fingern schnippen und schon ist der Syrienkonflikt gelöst. Ihre weltweite Wirkung würde im Kleinen beginnen.

Hat der Atheist am Ende doch recht, der eingangs gegenüber der Christin spitz bemerkte: «Feiert ihr ruhig euer Pfingsten! Ich fliege derweil nach Lanzarote.»?

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