Analyse

Der europäische Klubfussball steht vor einer Zerreissprobe

Am Samstag wird in Madrid der Champions-League-Final zwischen Tottenham und Liverpool angepfiffen. Mittendrin: der Schweizer Xherdan Shaqiri

AZ-Sportredaktor Markus Brütsch über die Entwicklungen im europäischen Klubfussball.

Haben Sie sich für den Samstagabend schon Baldrian besorgt? Geht es in der Champions League nämlich im selben Stil weiter, dann erwartet uns im Final zwischen dem FC Liverpool und Tottenham Hotspur ein Spektakel erster Güte. Man weiss ja nun, wie viel Power diese Teams in der Offensive haben und mit welcher Moral sie Rückschläge beantworten. Ein Tipp: dranbleiben an der Übertragung, selbst wenn es bei Halbzeit 0:3 stehen sollte.

 Europas Fussballfrühling liess bisher jedes Fanherz höherschlagen. Man brauchte weder Anhänger dieses oder jenes Klubs zu sein, um von den mitreissenden Partien gepackt zu werden. Die Umstürze und Wendungen bei Liverpool gegen Barcelona und Ajax gegen Tottenham, die Tore aus dem Nichts bei PSG gegen ManUnited und die damit verbundenen Dramen liessen weit über die Landesgrenzen hinaus niemanden kalt. Siege dieser Art sind die schönsten, Niederlagen die grausamsten.

Wie die Aussenseiter aus Holland, die zuvor dem Geldadel aus Madrid und Turin ein Schnippchen geschlagen hatten, Millimeter vor dem Ziel aus ihren Träumen gerissen wurden, hat auch bei vielen zu Hause auf dem Sofa Tränen des Mitleids kullern lassen. Wie es auch traurig macht, dass dieses erfrischende Ensemble trotz gigantischer Einnahmen von über 200 Millionen Euro aus Prämien und Transfers nun auseinanderfällt. Weil seine Protagonisten von den Haien der Champions League weggefressen werden.

Nur schade, dass diese Sternstunden des Fussballs mit den grossen Emotionen einer breiten Masse von Fussballfans verborgen geblieben sind, weil das Regime des Bezahlfernsehens in der Champions League Einzug gehalten hat. In Deutschland ganz, in der Schweiz wenigstens nur an einem von zwei Spieltagen.

So gern man in diesem Wettbewerb auf die aufregenden letzten K.-o.-Runden zurückblickt, so schnell hat man vergessen, wer im Herbst dominiert hat: die alljährliche Langeweile im Stadium der Gruppenphase. Weil sich die

Schere zwischen Arm und Reich immer weiter geöffnet hat, setzten sich die wohlhabenden Vereine durch, auf Überraschungen hoffte man vergeblich. Drei Viertel der Achtelfinalplätze waren nach fünf von acht Runden vergeben. In 79,5 Prozent der Partien setzten sich die Favoriten durch. Nur in der Gruppe mit dem PSG, Liverpool und Napoli war es richtig spannend. Das kommt halt davon, wenn sich die Klubs aus Europas Top-4-Ligen (England, Spanien, Deutschland und Italien) zwei Drittel des

Preisgeldes aufteilen. Wenn diese Länder, wie erstmals 2018/19, vier Plätze in der Champions League auf sicher haben. Zugestanden von der Uefa, erpresst von den Grossen mit der Androhung, eine eigene Liga zu gründen. Leider ist es eine Illusion, zu hoffen, diese Entwicklung sei zu stoppen. Auch wenn die Uefa dies tun könnte, würde sie die jährlich 2,04 Champions-League-Milliarden gerechter und solidarischer ausschütten.

Im Jahr 2004 holte mit dem FC Porto zum letzten Mal ein Verein aus einem Aussenseiterland den Henkelpott. Seither stellten die Top 4 nicht weniger als 56 von 60 Halbfinalisten. Ajax 2019 ist die grosse Ausnahme. Für Heldentaten von Davids gegen Goliaths bietet dieser Wettbewerb keine Bühne mehr. Wie ein Damoklesschwert hängt nun die von der Uefa und der ECA (Vereinigung von 232 Klubs) geplante Reform des Europacups über dem internationalen Fussball. 2021 soll bereits eine dritte Liga, die Europa League 2, eingeführt werden; 2024 dann die Idee umgesetzt, die oberste Liga zu einer nahezu geschlossenen Gesellschaft zu machen, die in Achtergruppen und zum Teil am Wochenende spielt. Wie in der Schweiz wehren sich auch in Deutschland sämtliche Profiklubs dagegen. Sind keine Qualifikationen mehr via Landesmeisterschaften möglich und die Samstag- und Sonntagtermine blockiert, versinken die nationalen Ligen in der Bedeutungslosigkeit.

Es fragt sich jetzt, ob die Opposition gegen die Reform stärker ist als die Geldgier der Grossen – eine Zerreissprobe. Für Hoffnungsschimmer sorgen Aussagen von Uefa-Präsident Ceferin, es werde keine Wochenendtermine geben. Auch von ECA-Präsident Agnelli kam Entwarnung: keine Achtergruppen. Und die Idee, dass sich künftig nur noch wenige Klubs für die Champions League qualifizieren können, sei kein offizieller Vorschlag der ECA. Affaire à suivre.

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