Big Data

Der digitale Imperativ

Muster und Normen werden unsere gesellschaftliche Zukunft prägen.

Muster und Normen werden unsere gesellschaftliche Zukunft prägen.

Katja Gentinetta zur Frage, ob das Wort «Individuum» im Big-Data-Meer noch angemessen ist.

Ob beim amerikanischen Riesen Amazon oder bei der «Switzerland first»-Seite books.ch: Wer online bestellt, erhält nicht nur ungefragt Tipps, sondern wird auch später noch an seine Anfragen und Suchen erinnert. Dass wir laufend Spuren hinterlassen, die unser digitales Profil schärfen und uns zur Zielscheibe für Unternehmen machen, die uns noch «persönlicher» bedienen, ist die neue Normalität. Ein Ausweichen ist kaum möglich, ein Verzicht wenig dienlich, und der Anspruch, die Systeme zu überlisten, naiv. Für die Unternehmen hat die Digitalisierung längst den Status eines Imperativs. Wer nicht vom Markt verschwinden will, muss seine eigene «Disruption», wie sich der Angriff aus dem Silicon Valley ebenso selbstbewusst wie brachial nennt, ersinnen, bevor es jemand anders tut.

Viel subtiler aber gestaltet sich die Digitalisierung von uns als Individuum – sofern die Bezeichnung «Individuum» im Meer von Big Data überhaupt noch angemessen ist. In der Menge erst ergeben sich Muster, die das reale Verhalten dieser Masse abbilden – Interessen, Vorlieben, Risikofreudigkeit, Bewegungen, Beziehungen. Damit können nicht nur Werbung und Marketing um ein Vielfaches gezielter gelenkt werden, es bieten sich auch Möglichkeiten für sehr viel präzisere Geschäftsmodelle. Versicherungen etwa, die aufgrund aggregierter Daten ein Muster erhalten, das bestimmte Verhaltensweisen mit bestimmten Risiken verbindet, ein entsprechendes Produkt kreieren, sich als Versicherung allein auf diese Gruppe konzentrieren oder sie auch ausschliessen, und zwar unabhängig davon, ob es sich beim Muster um eine Kausalität oder reine Korrelation handelt.

Muster statt Normen werden unsere gesellschaftliche Zukunft prägen. Klarheit über das «normale» Verhalten der Masse verfrachtet Ausnahmen gnadenlos an den Rand, um sie vielleicht eines Tages für unerwünscht zu erklären. Aus anfänglicher Bequemlichkeit wird Abhängigkeit, wird Fügsamkeit.

Aristoteles prägte den Satz, dass wir selbst für unsere Tugenden verantwortlich sind (und glücklich werden, wenn wir tugendhaft handeln). Kant hielt uns mit seinem Kategorischen Imperativ dazu an, so zu handeln, dass wir Beispiel für alle sein könnten. Gingen diese Urväter der Ethik noch vom Handeln des Einzelnen aus, kehrt der digitale Imperativ das Prinzip um: Es gilt das Muster. Pass Dich ein, streng Dich an, sonst fällst Du durch. Und das kann bedeuten: kein Einkauf, keine Versicherung, kein Job.

Es ist die Masse, die das Verhalten des Einzelnen «steuert» – und es sind Unternehmen, die dieses durch die digitalen Möglichkeiten auch punktgenau überwachen. Selbst wenn es ethisch bedenklich sein mag: Firmen werden nicht darum herumkommen, über Klicks, Schrittzähler und weitere Apps unser Sozial- und Gesundheitsverhalten zu messen, Daten zu sammeln und diese für sich auszuwerten. «Evidenzen» werden zur Norm im doppelten Sinne: Sie bilden das normale Verhalten ab und erklären es zur Norm. Die Perfektionierung wird zum obersten Prinzip; Abweichungen werden so weit als möglich eliminiert.

Michel Foucault hat all dies mit dem Begriff der «Bio-Macht», die sich über die Erzeugung, Regulierung und Kontrolle unserer Körper und Seelen manifestiert, vorausschauend beschrieben. Nie zuvor war die Realisierung dessen, was er als «Disziplinarindividuum» und «Normalitätsgesellschaft» bezeichnete, um die sich die Regierung als «pastorale Macht» sorgt, derart greifbar wie mit den heutigen technologischen Möglichkeiten.

Da diese Macht heute bei den Datengiganten liegt, überrascht es im Grunde gar nicht, wenn sich auch Exponenten aus dem Silicon Valley für ein Grundeinkommen aussprechen. Wer nicht mehr für sich sorgen muss, verliert den letzten Rest an vitalem Eigeninteresse und wird erst recht manipulierbar.

Die Romane von Aldous Huxley (Schöne neue Welt, 1932), Juli Zeh (Corpus delicti, 2009) oder auch von Dave Egger (The Circle, 2014) beschreiben dieses Leben eindringlich. Das kürzlich publizierte Foto des «Apple Park», der neuen Zentrale des Computergiganten – es ist ein perfekter, geschlossener Kreis – ist ein nettes Zeichen. Wir sind jedenfalls aufgefordert, unsere individuellen Freiheitsrechte unter Bedingungen der Digitalisierung zu denken – und auszuhandeln.

Die Autorin ist promovierte Philosophin und berät Unternehmen in gesellschaftspolitischen Fragen. Sie ist Lehrbeauftragte an der Universität St. Gallen und moderierte bis Ende 2014 die «Sternstunde Philosophie» am Schweizer Fernsehen.

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