Für ein Land, das sich Kompromisse so gewohnt ist, dass man oftmals sogar «gutschweizerisch» davorsetzt, war es ein Paukenschlag: Da wagte die BLS im Winter doch tatsächlich, die SBB in einem ihrer Kernbereiche – dem Monopol auf den Fernverkehrslinien – herauszufordern. Man könne einzelne Strecken mindestens so effizient wie die SBB betreiben, betonte die BLS und verwies auf die Vergangenheit, als sie erfolgreich im lukrativen Geschäft mit den langen Zügen mitmischte.

In der Zwischenzeit ist ein halbes Jahr vergangen und die Gespräche laufen noch immer. Offiziell betont die BLS weiterhin die «Wirtschaftlichkeit und Sinnhaftigkeit der Marktöffnung». Die Zeichen verdichten sich aber, dass sich die beiden Streithähne demnächst finden können. Oder besser gesagt: müssen. Denn die Regierung des Kantons Bern drängt auf eine Einigung. Bern ist dabei nicht irgendwer, sondern Mehrheitsaktionär der BLS – und fürchtet sich entsprechend vor dem finanziellen Wagnis einer Expansion.

Welches Ergebnis der «konstruktive Prozess» haben soll, lässt der Regierungsrat offen. Man kann aber davon ausgehen, dass er mit dem Angebot der SBB gut leben könnte. Die Bundesbahnen sind bereit, der BLS einige Linien im Seeland und im Jura zu überlassen, verlangen aber, dass diese kein eigenes Fernverkehr-Konzessionsgesuch einreicht. Den Jackpot hätte die BLS damit zwar nicht geknackt, würde den Verhandlungstisch aber auch nicht mit leeren Händen verlassen. Und das ungewohnte Hickhack würde doch mit einem Kompromiss enden – einem gutschweizerischen.

antonio.fumagalli@azmedien.ch