Zunächst gilt auch für Kardinal George Pell, was für alle Angeschuldigten gilt: die Unschuldsvermutung. Dennoch wird der «Fall Pell» zu einer immer grösseren Belastung für Papst Franziskus. Auf dem Spiel steht nichts weniger als seine Glaubwürdigkeit bei der Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch katholische Priester. Also der Affäre, die der katholischen Kirche in den letzten Jahrzehnten am meisten zugesetzt hat.

Schon die Ernennung Pells zum mächtigen vatikanischen Finanzchef hatte bei Opferverbänden Irritation ausgelöst: Die Vertuschungsvorwürfe an die Adresse des ehemaligen Erzbischofs von Sydney waren damals, im Jahr 2014, längst bekannt. Inzwischen hat Pell selber eingeräumt, dass die von ihm jahrelang geleitete Kirche in Australien bei der Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs durch Kirchenmänner «schreckliche Fehler» begangen habe.

Kein Papst vor Franziskus hat den Missbrauch wortgewaltiger verurteilt. Der Argentinier hat eine vatikanische Sonderkommission eingesetzt und ein eigenes Tribunal versprochen, vor dem die fehlbaren Priester zur Rechenschaft gezogen werden sollen. Doch die Situation hat sich seit dem Pontifikat von Benedikt XVI. nicht wirklich verbessert: Die Sonderkommission hat in den ersten vier Jahren ihres Bestehens nur dreimal getagt.

Dass der Papst umgehend verlauten liess, er glaube den Unschuldsbeteuerungen seines australischen «Ranger», scheint vor diesem Hintergrund zumindest unvorsichtig. Sollte Franziskus’ Vertrauter und Top-Mitarbeiter schuldig gesprochen werden, werden die Vorwürfe, der Papst lasse es bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals bei Lippenbekenntnissen bewenden, neue Nahrung erhalten. Es droht ein Bumerang – wie man weiss eine australische Erfindung.

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