Die Staatschefs aller unserer Nachbarländer reisten gestern in die Schweiz. Das hat es ausserhalb des WEF noch nie gegeben. Und zumindest sehr lange ist es nicht mehr vorgekommen, dass sie die Schweiz lobten.

Nach Jahren des eher schwierigen Verhältnisses zu Europa waren die präsidialen Hymnen Balsam auf unsere Schweizer Seelen:

  • Italiens Matteo Renzi sagte auf der Fahrt durch den Tunnel: «Ich danke der Schweiz! Sie hat ein grossartiges Zeichen gesetzt.»
  • Deutschlands Angela Merkel: «Dies ist ein Freudentag. Und dass wir mitfeiern dürfen, dafür danken wir sehr!»
  • Frankreichs François Hollande: «In der Schweiz ist der europäische Traum Realität geworden. Wir verneigen uns!»

In der Tat ist der Tunnel ein mutiges und zukunftsweisendes Bauwerk. Unsere direkte Demokratie hat einmal mehr bewiesen, wozu sie fähig ist; Entscheide dauern vielleicht etwas länger, aber das Resultat überzeugt. Was gestern ebenfalls alle betonten: Der Tunnel nützt ganz Europa, weil er einen wesentlichen Teil des Transitverkehrs auf der Nord-Süd-Achse schlucken wird.

Die Staatschefs von Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich haben ein starkes Zeichen gesetzt, indem sie gestern in die Schweiz reisten und im Eröffnungszug durch den neuen Gotthardtunnel mitfuhren. Sie haben deutliche Worte verwendet, um die Leistung der Schweiz zu würdigen. Schön und gut – doch Festreden zu halten, ist das eine, eine Partnerschaft zu pflegen, das andere. Der erste Teil ist erledigt, der zweite noch nicht.

Die Schweiz hat den neuen Tunnel gestern mit viel Selbstbewusstsein eröffnet. Mit demselben Selbstbewusstsein sollte sie nun auch ihre Interessen gegenüber Europa wahrnehmen – wenn es um die Zufahrtsstrecken zum neuen Tunnel geht, aber auch, wenn es um unsere
bilateralen Beziehungen und um die Regelung der Zuwanderung geht.

Wenn dem Balsam auf unsere Seelen nun auch Fortschritte in unserer Beziehung folgen, dann wird der 1. Juni gleich doppelt in die Geschichte eingehen.

christian.dorer@azmedien.ch