Umstrittene Politiker mögen unübersichtliche Zeiten. Xi Jinping ist da keine Ausnahme. Wenn nicht alles täuscht, sieht Chinas Präsident nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten seine grosse Chance auf dem internationalen Parkett gekommen.

Die Eröffnungsrede am WEF in Davos wird er nutzen, um sein Land als Verteidiger des Freihandels anzupreisen. Und mit seinem Besuch bei der UNO in Genf signalisiert er, sich zu einer internationalen Ordnung zu bekennen, die auf Multilateralismus fusst. So versucht Xi sein Land jenen westlichen Regierungen, die sich angesichts wenig verlässlicher Staatschefs in Washington und Moskau nach Alternativen umsehen, schmackhaft zu machen.

Doch auch wenn sein viertägiger Besuch weniger der Schweiz gilt als der gesamten westlichen Welt, zu der er via WEF und UNO spricht: Auch der Staatsempfang in Bern dient Xis Interessen. Die sich seit Jahren intensivierende Partnerschaft mit der Schweiz wird er als Beweis für die chinesische Verlässlichkeit ins Feld führen. Das Freihandelsabkommen, das die beiden Staaten 2014 unterzeichneten, soll Vorbildcharakter entfalten: Wichtiger als das Abkommen mit der Schweiz nämlich wäre ihm eines mit der Europäischen Union – Bern als Sprungbrett nach Brüssel.

Der Bundesrat fühlt sich von Xis Zuneigung gebauchpinselt. Das ist sein gutes Recht, solange er ob seiner wirtschaftlichen Euphorie nicht blind vergisst, mit wem er am Tisch sitzt: Einem Mann, der sein Land mit unerbittlicher Härte regiert, der die ganze Machtfülle auf sich vereinigt und jeden Anflug von Demokratie und Freiheit im Keime erstickt. Einem Machthaber, der seine Kritiker verfolgen, verhaften und foltern lässt. Kurzum: Ein umstrittener Politiker, mit der wir keine Werte teilen. An Doris Leuthard ist es, dies so deutlich zu machen, wie es eben möglich ist.