Klimaproteste

Debatte um Verantwortung: Wer sind die Heuchler?

Christoph Bopp: «Wir sollten aufhören, systemisch in ‹absoluten Alternativen› zu denken: Kapitalismus oder Sozialismus, Freiheit oder Knechtschaft.» (Archivbild)

Christoph Bopp: «Wir sollten aufhören, systemisch in ‹absoluten Alternativen› zu denken: Kapitalismus oder Sozialismus, Freiheit oder Knechtschaft.» (Archivbild)

Eine Analyse von CH Media-Autor Christoph Bopp über die Debatte um Verantwortung, wenn fürs Klima demonstriert wird.

Wir sollten aufhören, die Welt retten zu wollen. Die Welt schaut schon zu sich, die wartet nicht, bis wir sie retten. Wir sollten uns stattdessen klar darüber werden, dass wir ein Problem haben. Wir, das sind die Menschen. Wir laufen in ein Szenario hinein, das uns schwer überfordern könnte.

Die Frage ist: Sollen wir es einfach laufen lassen oder sollen wir etwas tun? Der Einwand des Klimaskeptikers, dass es schon immer wärmere und kältere Zeiten gegeben habe, lässt sich nicht widerlegen. Aber so sieht man, dass er irrelevant ist. Denn man kann etwas tun. Das belegen die Modelle auch, die uns die Störungen der Zukunft anzeigen.

Wenn es darum gehen würde, die Welt zu retten, dann wäre wirklich jeder in der Verantwortung. Offenbar sehen das aber viele nicht so. Das Dilemma ist ja offensichtlich: Auf die Frage «Wer sollte etwas tun?» ist eine erste Differenzierungslinie bereits gezogen. Jeder Einzelne. Denn wer dagegen demonstriert, dass nichts getan wird, muss auch ein absolutes Vorbild und ein Umweltheiliger sein. Falls nicht, ist das Heuchelei.

Dass alle Menschen Heilige sind, ist recht unwahrscheinlich. Die vom Heuchelei-Vorwurf Betroffenen formulieren denn auch die entscheiden Frage um: «Wer ist schuld?» Und dann zieht man Tabellen und Statistiken hervor und benennt all die Grossen, die quantitativ betrachtet wirklich erheblich beigetragen haben. Allerdings haben die gleich ein Gegenargument zur Hand, das nicht leicht zu kontern ist: «Wir haben das für Euch getan. Ihr habt es gekauft und gewollt.»

Jetzt haben wir zwei Linien: Hinter der einen stehen die Kleinen und hinter der anderen die Grossen. Die Verantwortung wird munter hin- und hergeschoben. Und Donald Trump sagt mit einigem Recht: «Man kann doch keine Regierung zwingen, Massnahmen zu verhängen, welche die eigene Wirtschaft schwächen ?» (Damit meint er natürlich, dass dadurch schliesslich Unschuldige bestraft würden: durch höhere Benzinpreise oder weil sie den Job verlieren oder . . )

Wenn es um Moral und Ethik geht, beschreibt man den Menschen gern als Vernunftwesen. Wobei es schwierig ist, gemäss der Vernunft zu handeln (oder zu verzichten), wenn man weit und breit der Einzige ist. Beschränken wir uns also auf Klugheit. Es ist sicher klug, wenn man Schaden vermeidet, auch wenn er zukünftig ist.

In Sachen Klugheit stimmen wir hier recht gut überein. Und jetzt zur Verantwortung oder – wenn sie abgewiesen wird – zur Heuchelei. Verantwortung übernehmen kann man nur, wenn man auch einen gewissen Hebel zum Handeln hat. Verantwortung von machtlosen Einzelnen zu fordern, ist ebenso übel wie Heuchelei. Verantwortung von den Grossen zu fordern, geht nicht, weil die «aufs System» verweisen. «Das System ändern» ist in unserem Zusammenhang ähnlich schwierig wie «Die Welt retten».

Das Klimaabkommen von Paris 2015 löst dieses Problem. Allerdings auf einer etwas theoretischen Ebene. Staaten sollen zielführende Massnahmen versprechen; die Staatsbürger, die aus Klugheit einsehen, dass die Massnahmen gerechtfertigt sind, sollen ihre Regierungen in die Verantwortung nehmen. Dafür haben wir Demokratie. «Das System» sollten wir ähnlich behandeln wie «Die Welt».

Wir neigen dazu, Einzelne mit zu grossen Ansprüchen zu überfordern. (Wer protestiert, muss ein Klima-Heiliger sein.) «Das System ändern» wird dann gleich verstanden als Einrichtung einer Öko-Diktatur, welche ihren Bürgern die Steinzeit verordnet. Das ist auch in diesen Belangen zu gross.

Wir sollten aufhören, systemisch in «absoluten Alternativen» zu denken: Kapitalismus oder Sozialismus, Freiheit oder Knechtschaft. Die Klugheit sagt uns, dass eine gewisse Redimensionierung unserer Lebensweise unausweichlich ist. Deswegen müssen wir nicht gleich den Kapitalismus abschaffen. Sondern das System neu überdenken: Nicht alles, was «wirtschaftlich» läuft, entspricht dem K-Schema.

Es gibt alternative Formen, nicht nur die (Massen-)Produktion von Gütern und ihr Konsum; nicht aller Tausch, besonders nicht der von nicht restlich kommodifizierbaren Gütern (Kinder- und Altenpflege und dergleichen zum Beispiel), findet auf (Geld-) Märkten statt. Redimensionierung würde auch bedeuten, einzusehen, dass die «Globalisierung» etwas zu weit gegangen ist. Mehr bei uns und mehr für uns investieren und produzieren, das lässt sich durchaus umsetzen.

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