Gastkommentar

Dauerpräsenz der Kinder sind ein Stresstest für Mütter und Väter

Die Reduktion auf die Familie ist eine grosse Herausforderung. (Archivbild)

Die Reduktion auf die Familie ist eine grosse Herausforderung. (Archivbild)

Die Coronakrise hat Auswirkungen auf Familien und Kinder. Die Krise dürfte wohl ein Moment in der Geschichte werden, in dem die Lehrer nicht nur von Kindern, sondern auch von Eltern vermisst werden – und umgekehrt.

Das Leben ist ein Risiko und das Risiko ist Leben. Dies lehrt uns das Coronavirus mit voller Wucht, auch wenn wir bisher von der Schweizer Vollkasko-Mentalität überzeugt waren. Schulen sind geschlossen, Kulturveranstaltungen und Fussball abgesagt. Es gilt, zu Hause zu bleiben, zu verzichten, Abstand zu halten, Hygienevorschriften zu befolgen. Die Happy Hour ist unterbrochen, zumindest für eine gewisse Zeit.

Über Nacht finden wir uns in einer Risikogesellschaft wieder, die erst lernen muss, mit Krisen umzugehen. Allerdings ist der Begriff nicht neu. Der Soziologe Ulrich Beck hat ihn schon vor dreissig Jahren im Zuge der Atomkatastrophe von Tschernobyl dafür benutzt, dass in unserer hoch entwickelten Gesellschaft laufend mehr Risiken entstehen als die staatlichen Kontrolleinrichtungen zu bewältigen vermögen.

Die Coronagesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass Risiken nicht nur zunehmen, sondern demokratisch verteilt werden. Anstatt Reichtum wird nun Risiko verteilt. Es macht nicht Halt vor Status oder Staatsgrenzen, und ihm zu entkommen gelingt auch Mächtigen nicht. Unsere globalisierte Welt ist zu einem Schleudersitz geworden, der uns in eine solidarische Schicksalsgemeinschaft hineinzwingt. Paradoxerweise ist die höchste Form der Solidarität nun ein Verzicht auf soziale Kontakte.

Doch was macht die Bedrohung durch das tödliche Virus mit Müttern, Vätern und Kindern? Eine grosse Herausforderung ist die Reduktion auf die Familie. Dies ist eine moderne Anomalie und bei weitem nicht nur eine organisatorische Herausforderung. Lockdown und Homeoffice bei gleichzeitiger Dauerpräsenz der Kinder sind ein Stresstest für Mütter und Väter. Eltern hatten sich daran gewöhnt, zwischen Beruf, Familie und Freizeit hin- und herzupendeln. Durch die Coronakrise ist diese Routine unterbrochen worden. Gleiches erfahren die Kinder, die nun auf einen durch Kita, Schule, Sportverein, Musikgruppe und Freizeitaktivitäten getakteten Wochenplan verzichten müssen.

Die Schulschliessungen haben zur Folge, dass Lehrkräfte ihre Lernprogramme teilweise in die Familien auslagern müssen. Manche Eltern sind sehr gefordert, weil sie nun im Alltag erfahren, was es heisst, zu Hilfslehrern umfunktioniert zu werden. Überforderung entsteht vor allem durch das Homeoffice und die fehlende familienexterne Betreuung inklusive Grosseltern.

Wer kennt nicht die Rollenkonflikte, zugleich Vater oder Mutter und Aufgabenhilfe zu sein? Wer kennt nicht die schwierige soziale Dynamik, die in solchen Situationen entsteht? Deshalb wundere ich mich über die sozialromantischen Ideen, dass nun die Stunde der Entschleunigung sowie der inneren Einkehr gekommen und das Homeoffice eine Befreiung vom Ärger der Gesellschaft sei.

Trotz der enormen Bemühungen von Lehrkräften und Eltern fehlt die Schule allen. Beim Fernunterricht geht immer etwas verloren, in erster Linie die physische Präsenz der Lehrkräfte und die Beziehung zu ihnen. Sonst würden wir Schulen ja gar nicht benötigen. Sie sind die wichtigsten Stätten für Freundschaften und soziales Zusammensein. Fragt man Schülerinnen und Schüler, was die Schule für sie bedeute, antworten die meisten – je nach Alter etwas unterschiedlich – 40 Prozent Schule und Lernen, 60 Prozent soziale Kontakte. Die Coronakrise dürfte wohl ein Moment in der Geschichte werden, in dem die Lehrerinnen und Lehrer nicht nur von Kindern, sondern auch von Eltern vermisst werden – und umgekehrt.

Die Schulschliessungen sind ein notwendiger Entscheid des Bundesrates. Doch der möglicherweise längere Verzicht auf sie wird nicht nur emotionale und organisatorische Herausforderungen nach sich ziehen, sondern auch die Frage, wie die Schule mit den unterschiedlichen Leistungsentwicklungen der Kinder umgeht. Der Vorschlag, alle Kinder ein Schuljahr wiederholen zu lassen, scheint vor dem Hintergrund der individualisierten Schule mehr als fraglich.

Margrit Stamm Prof. em. für Päd. Psych. und Erziehungswissenschaften an der Universität Fribourg. Gründerin des Forschungsinstituts Swiss Education.

Margrit Stamm Prof. em. für Päd. Psych. und Erziehungswissenschaften an der Universität Fribourg. Gründerin des Forschungsinstituts Swiss Education.

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