Tausende haben sich diese Woche vom grössten sozialen Netzwerk abgewendet und dies auf Twitter mit dem Hashtag #DeleteFacebook kundgetan. Das hat etwas Ironisches: Denn einiges, wofür Facebook in letzter Zeit kritisiert worden ist, trifft ebenso auf Twitter zu – etwa der lasche Umgang mit Fake News. Geradezu grotesk wird es aber, wenn Nutzer ihre Löschaktion auf Instagram inszenieren – das Foto-Netzwerk gehört ja bekanntlich, wie Whatsapp auch, zu Mark Zuckerbergs Facebook-Universum.

Dass in den sozialen und den traditionellen Medien kritisch auf die jüngste Datenschutzaffäre aufmerksam gemacht wird, ist zu begrüssen. Die Empörung darüber verwundert aber doch ein bisschen. Denn vieles, was der Whistleblower Christopher Wylie der «New York Times» und dem «Observer» ausgeplaudert hat, war schon bekannt – unter anderem dank einer Recherche des Magazins vom «Tages-Anzeiger» aus dem Jahr 2016. So wusste man etwa, dass die britische Firma Cambridge Analytica versucht hat, mithilfe von Facebook-Profildaten Einfluss auf die US-Wahl zugunsten Donald Trumps zu nehmen. Entscheidend waren dabei vor allem die Likes, dank derer die Firma eruiert hat, mit welchen Argumenten sie einen Nutzer am besten überzeugen kann, für Trump zu stimmen. Auf ähnliche Weise ist übrigens 2012 auch Barack Obama bei seiner Wahlkampagne vorgegangen.

Daten sind der Preis für den Zugang zur globalen Gemeinschaft

Unklar ist nach wie vor, wie effektiv dieses sogenannte Micro Targeting überhaupt ist. Klar hingegen ist seit dieser Woche, wie die Firma Cambridge Analytica zu ihrem Datenschatz gelangt ist: Über einen Persönlichkeitstest, für den sich die Teilnehmer mit ihrem Facebook-Login anmelden mussten, konnten 2014 Psychologen die Informationen von 50 Millionen Nutzern absaugen. Diese haben sie widerrechtlich an Cambridge Analytica verkauft. Facebook hat das offenbar gemerkt, wollte den Missbrauch aber unter dem Deckel halte. Dass die US-Verbraucherschutzbehörde FTC nun gegen Facebook ermittelt und Mark Zuckerberg im Senat aussagen soll, sind die konsequenten Folgen davon.

Die Art und Weise, wie Cambridge Analytica an die Datensätze gekommen ist, mag illegal gewesen sein – das werden die Untersuchungen zeigen. Die Tatsache, dass Facebook-Daten gezielt dazu genutzt werden, Menschen zu beeinflussen – sei es in Form von Werbung oder Wahlpropaganda –, ist es nicht. Das ist Teil des Deals, den die Nutzer mit dem sozialen Netzwerk eingehen. Sie geben ihre Daten preis, dafür bekommen sie Zugang zur grössten «globalen Gemeinschaft» (Mark Zuckerberg). Wenn Facebook-Nutzer das Unternehmen dafür kritisieren, dass mit diesen Daten auch Dinge gemacht werden, die ihnen nicht passen – etwa Menschen zu überzeugen, Trump zu wählen –, ist das etwa so, wie wenn Raucher die Tabakindustrie schelten, weil sie nicht wollen, dass sie beim Rauchen gesundheitsschädliche Stoffe einatmen.

Transparenz bedeutet Einsicht mit einem Klick

Natürlich aber kann und soll man als Gesellschaft darüber diskutieren, ob Facebook – und andere Tech-Unternehmen auch – stärker reguliert werden soll. Gesetze können helfen, die Firmen dort in die Schranken zu weisen, wo es nötig ist. Allzu einfach geht das aber meistens nicht. Das zeigt etwa das sogenannte Netzwerkdurchsetzungsgesetz, das Deutschland Anfang Jahr eingeführt hat. Twitter und Facebook werden damit unter Druck gesetzt, rechtswidrige Beiträge innerhalb von 24 Stunden zu löschen, wenn diese von einem Nutzer beanstandet werden. Das hat dazu geführt, dass die Betreiber aus Angst vor hohen Bussen vermehrt auch Beiträge löschen, die gegen gar keine Richtlinien verstossen.

Wenn es um den Datenschutz geht, so ist die Forderung nach mehr Transparenz sicher sinnvoll. Wünschenswert wäre etwa, dass jeder Nutzer auf einen Klick sieht, welche Daten über ihn erhoben wurden und welche Firmen sie für welche Zwecke nutzen. Denkbar wäre auch, dass er entscheiden kann, zu welchen Zwecken er seine Daten hergeben will.

Im Gegenzug müsste dieser Nutzer aber wohl auch damit leben, wenn Facebook aufgrund der Werbeeinbussen, die durch die restriktive Behandlung der Daten entstünden, gewisse Funktionen nicht mehr anbietet oder ihn zur Kasse bittet. Letzteres würde Facebook wohl kaum tun – aus Angst, dass die Nutzer abwandern würden. Schliesslich haben sie sich an die Gratiskultur gewöhnt. Wenn man aber nicht bereit ist, für Facebook zu zahlen, heisst das auch, dass das soziale Netzwerk im Alltag vieler eigentlich ziemlich entbehrlich wäre – zumindest dann, wenn sie noch ein anderes Adressverzeichnis ihrer Freunde besitzen.

raffael.schuppisser@schweizamwochenende.ch