Momentan befinde ich mich in Washington D.C., am Georgetown University Law Center, um ein mehr als 1000 Seiten umfassendes Buch nach achtjähriger Forschung endlich abzuschliessen: «Wird auch Zeit», sagt meine Frau Eveline! D.C. ist eine wunderbare Stadt, in der ich vor langer Zeit studiert und gelebt habe (und jederzeit wieder leben würde). Es ist erstaunlich, wie schnell man sich wieder einleben kann, sprachlich und emotional. Die Nachrichten zur Schweiz habe ich online in den USA genau zwei Tage gelesen, das wars dann schon.

Und plötzlich erhalte ich aus der Schweiz eine Mail, die mir mitteilt: «Du hast noch eine Kolumne zu schreiben». Whoops, fast vergessen, doch zu welchem Thema? Was beschäftigt Sie denn in der Schweiz? Nach einer kurzen Recherche sehe ich: Zwei Bundesräte treten zurück, ein CVP-Politiker hat – wieder einmal – eine Affäre und ein aussereheliches Kind, keine Themen, zu denen ich mich äussern möchte. Drum schreibe ich eine persönliche Kolumne aus D.C. über Aktualitäten, die für die Amerikaner wichtig sind.

Die Amerikaner interessieren sich primär für ein Thema: Sport – und zwar in jeder Form. Aktuell im Vordergrund steht Baseball, also sozusagen die Erwachsenenversion von unserem «Brennball». Die meisten Schweizer haben dazu keinerlei Bezug, nicht zuletzt weil niemand die Regeln versteht (ich denke, nebst mir interessieren sich in der Schweiz maximal fünf Personen für Baseball). Ich habe gehofft, dass «meine» Mannschaft, also die «Nationals» aus D.C., die World Series gewinnen, aber sie sind schon vor den momentan stattfindenden Playoffs ausgeschieden. Mein Tipp: die «L.A. Dodgers» werden Meister.

Die letzten Wochen beschäftigte die Amerikaner ein Thema besonders: Brett Kavanaugh, der von Präsident Trump als Richterkandidat für das höchste Gericht («Federal Supreme Court») nominiert wurde. Anscheinend wurde auch in der Schweiz darüber berichtet, doch hier war es, von morgens bis abends (und nachts), das absolute superextrakrassohypermegageilodominante Thema Numero Uno. Die Vorwürfe gegen Judge Kavanaugh – nunmehr Justice Kavanaugh – erwiesen sich als unbeweisbar, sodass der US-Senat («Ständerat») ihn bestätigte.

Wir Schweizer haben Mühe zu verstehen, weshalb ein Richterjob so umstritten sein kann. Tatsächlich erweist sich aber ein auf Lebenszeit gewählter Federal Supreme Court Justice oft als einflussreicher als ein maximal acht Jahre regierender US-Präsident. Denn das Gericht äussert sich zu allen strittigen Themen, beispielsweise zur Abtreibung, zur gleichgeschlechtlichen Ehe, zur Todesstrafe, zu den Waffenkontrollen oder zur staatlichen Unterstützung von Minoritäten («Affirmative Action»). In den USA sind die Richter die juristischen Rockstars, anders als in der Schweiz – dort sind es die Uni-Rechtsprofessoren!

Ich komme nicht umhin, einige Worte – und eine Prognose – zu Präsident Donald J. Trump niederzuschreiben. Er wird krass unterschätzt, nicht allein bei uns in der Schweiz. Seit der Wahl hat Trump diverse Wahlversprechen eingelöst, nämlich etwa konservative Richter, Steuerreformen oder Deregulierungen durchgesetzt. Die Amerikaner lieben ihn oder hassen ihn, dazwischen gibt es nichts. Dass die meisten Medien («fake media») ihn permanent heftig kritisieren, fördert sogar seine Popularität. Am Schluss interessiert indes alle, wie es der Wirtschaft geht, und die läuft auf Hochtouren, mit den tiefsten Arbeitslosenzahlen seit dem Vietnamkrieg. Meine Prognose: Donald Trump wird 2020 als Präsident wiedergewählt!

Wenn Sie D.C. besuchen, fühlen Sie sich wie im Film und werden an jeder Ecke irgendwie überrascht. Das Weisse Haus beispielsweise wurde im Jahr 1812 von den Briten niedergebrannt und vor einigen Jahren von den Ausserirdischen niedergebombt («Independence Day»): trotzdem steht es immer noch! Ja, es gibt keinen Ort in den USA, wo ich lieber leben möchte, ausser vielleicht in Phoenix (Arizona) beim Golfen.

PS – und ein persönlicher Abschluss: Nach meiner letzten Kolumne «Reden hilft, Aussitzen nicht» hat mich Bundesrat Johann Schneider-Ammann zum Kaffee in sein Büro eingeladen (ich erwähne dies, weil mich viele Leute danach gefragt haben). Bundesrat Schneider-Ammann war ein angenehmer, interessierter und absolut nicht schlafender (!) Gastgeber, mit ausgezeichnetem Kaffee und feinen Gipfeli. Besten Dank, Herr Bundesrat – ich wünsche Ihnen alles Gute für den wohlverdienten Ruhestand!

Der Autor, Prof. Dr. iur., Rechtsanwalt, LL.M., ist seit 2005 Ordinarius für Wirtschaftsrecht und Rechtsvergleichung der Universität Bern; seit 2015 ist er Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät. Vor seiner akademischen Karriere war er unter anderem als Journalist tätig und als FDP-Mitglied Gemeinderat in Dulliken und Kantonsrat des Kantons Solothurn. Inzwischen ist er aus der FDP ausgetreten.