Susanne Wille

Das Veto der Gesellschaft

Solidarität und Nächstenliebe als Antwort auf den Terror.

Solidarität und Nächstenliebe als Antwort auf den Terror.

Susanne Wille zum Terror in Manchester – und die (journalistische) Reaktion darauf.

Es war wieder einer dieser Morgen, wo ich ungläubig auf den Handybildschirm schaute. Diesmal traf es Teenager, Kinder, sogar ein achtjähriges Mädchen. Als Journalistin habe ich über unzählige Terror-Anschläge berichtet. Lange vor den IS-Attentaten. Breivik, Beslan – und mit welchen Namen auch immer sie in Erinnerung bleiben. Und doch: Wir werden den Terror nie verstehen. Es ist wohl auch unsere Pflicht, ihn nie verstehen zu dürfen. Wir versuchen ihn aber zu erklären, zu analysieren, wir befragen Terror-Experten oder Spezialisten für Sicherheitspolitik. All das macht – so ehrlich müssen wir sein – die monströse Tat deswegen nicht fassbarer. Das Abscheuliche bleibt abscheulich.

Wir bleiben als Journalisten sachlich, das schulden wir den Opfern. Aber was ist richtig? Wie viele Bilder aus dem Chaos in der Manchester Arena braucht es, um die Informationspflicht zu erfüllen, bevor es in eine aufdringliche Emotionalität kippt, die ja letztlich das erklärte Ziel der Terroristen ist. Das Ziel – so formuliert es der britische Zeitgeschichtler Timothy Garton Ash –, das öffentlichkeitswirksame Veto einzulegen. Das Veto des Mörders. Diese Frage beschäftigt auch unsere Zuschauer. Jemand schickte nach der Sendung ein Tweet. Wir sollten uns vielleicht an den Philosophen Jürgen Habermas halten. Der schon 1977 sagte, man müsse den Terror entdramatisieren, ihm die Bühne nehmen.

So nachvollziehbar dieser Gedanke ist, so selbstkritisch wir Journalisten hier sein müssen, was unsere Rolle betrifft — so offensichtlich ist die gefährliche Wechselwirkung. Wir leben in einer vernetzten, globalisierten Welt. Einen Terror-Akt so zu behandeln, als wäre er ein normales Verbrechen, wie das Habermas andenkt, dahinter könnte ich nicht stehen. Eine selbstgebastelte Bombe mitten in fröhlichen jungen Menschen zu zünden, das ist zu niederträchtig, als dass ich hier eine Entdramatisierung zulässig fände. Wir haben nebst der Informationspflicht, neben dem «Zeigen, was ist», auch die Pflicht, die Zuschauerinnen und Zuschauer bei dem abzuholen, was sie beschäftigt. Und hier Einordnung zu bieten.

Aber: Das allein reicht nicht. Damit hätten die Terroristen gewonnen. Nachdem Antoine Leiris beim Attentat auf den Nachtclub Bataclan in Paris seine Frau verloren hatte, schrieb er das Buch «Vous n’aurez pas ma haine». Alles habt ihr mir genommen, so Leiris, aber meinen Hass, ihr Terroristen, den bekommt ihr nicht. Ich denke, wir Journalisten müssten über genau diesen Aspekt noch stärker berichten. Nicht nur über das Veto des Mörders, sondern auch über das Veto der Gesellschaft. Denn dieser Reflex war auch in Manchester zu beobachten. Da luden Taxifahrer spontan Gäste ins Auto, liessen sie gratis fahren. Menschen öffneten ihre Häuser, ihre Wohnungen und boten Schlafplätze an. Anwohner spendeten Blut. Man half spontan bei der Suche von Angehörigen. Der Dichter Tony Walsh schmetterte bei einer Mahnwache sein Gedicht über den Geist von Manchester in die Luft.

Das ist die Kraft der offenen Gesellschaft. Solidarität und Nächstenliebe als schärfste Waffe gegen den Hass. Das sind nicht hilflose, trotzige Reaktionen, sondern das sind auch Botschaften an die Terroristen. Und hier stehen wir Journalisten in der Pflicht. Wir müssen diesen Aspekt noch viel stärker hervorheben. Also nicht nur die Tat und den Täter in den Vordergrund stellen, uns medial nicht nur am Entsetzen weiden, sondern aufzeigen, welche Kräfte frei werden als Reaktion auf das Grauenhafte. Das Monströse niemals verschweigen, aber auch betonen, was es zu verteidigen gilt, wie viel Gemeinschaftssinn nach der Terror-Nacht zu spüren war. Nochmals, hier geht es nicht darum, dem Terror krampfhaft und naiv etwas Gutes abzugewinnen. Sondern ein publizistisches Gegengewicht zu setzen. Verharren wir bei der Berichterstattung über maximale Zerstörung und Angst, reiben sich die Terroristen die Hände.

Auch meine Freunde, die ganz in der Nähe von Manchester leben, haben das am Morgen nach dem Anschlag betont. Ihre Kinder seien aufgewühlt. Sie würden zum ersten Mal erfahren, dass das Leben nicht immer so sei, wie man es gerne hätte. Kurz vor Mitternacht meldeten sich meine Freunde aus Manchester erneut. Die zehnjährige Tochter wolle jetzt in die Politik einsteigen. Sie habe ein Manifest geschrieben. Sie wolle sich für das Amt der Kinderbürgermeisterin in ihrer Gemeinde bewerben. Ihr Plan sei der Bau von neuen Park-Anlagen, wo sich die Menschen friedlich begegnen können. Auch das ist – im ganz, ganz Kleinen – eine Antwort auf den Terror.

Die Autorin wurde in Villmergen geboren und arbeitet seit 2001 beim Schweizer Fernsehen. Sie moderiert das Nachrichtenmagazin «10vor10» und ist im News-Projektteam, das sich mit der Entwicklung der Nachrichtensendungen befasst.

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