Messerstecher, weinende Kinder oder schwarze Schafe. Die schreierischen Plakate haben die Bevölkerung abgestumpft. Da kommt das Baby in Mais-Blättern fast lieblich daher. Dabei mangelt es auch dieser Botschaft nicht an Populismus: Sie suggeriert, dass Ärzte in der Schweiz bald Gentech-Kinder produzieren. Ganz bewusst wird hier Angst vor Menschen nach Mass, vor Designerbabys geschürt. Falls überhaupt je jemand den Wunsch hegen sollte, ein Kind mit grünen Augen und schwarzen Haaren zu zeugen, könnte er sich diesen in der Schweiz nie und nimmer erfüllen: Das Gesetz verbietet die Auswahl äusserer Merkmale oder des Geschlechts. Designerbabys sind verboten.

Das Gesetz ist restriktiv und steckt klare Grenzen ab

Gewiss: Das Thema Fortpflanzung ist sensibel, weil höchst privat. Das zeigt sich nicht zuletzt am Graben der Gegner und Befürworter, der sich quer durch fast alle Parteien frisst. Doch auf dem Buckel der Betroffenen wird eben auch viel Unsinn verbreitet: Dass es bei der PID um
Selektion und Eugenik gehe, dass sich also Ärzte und Eltern anmassten, zu entscheiden, welches Leben lebenswert sei – und welches nicht. Die Unterstellung ist ungeheuerlich. Und falsch. Denn die Präimplantationsdiagnostik (PID), über die wir am 5. Juni abstimmen, will etwas Anderes: Sie will jenen Paaren helfen, die sich nichts sehnlicher wünschen als ein Kind. Jene Paare, die aus gesundheitlichen Gründen keine Kinder kriegen können. Gesellschaftlich hat das grosse Relevanz. Die ungewollte Kinderlosigkeit nimmt zu, bis zu 15 Prozent aller Paare sind betroffen. Die Ursache liegt oft in den Genen: Mutationen führen dazu, dass das Kind dereinst schwer krank oder gar nicht erst überlebensfähig sein wird. Manche Föten sterben bereits während der Schwangerschaft, es kommt zu Aborten. Die Diagnose heisst Unfruchtbarkeit.

Somit wäre gleich eine weitere Behauptung widerlegt: Dass das Gesetz schwammig sei. Im Gegenteil dürfen nur Paare PID überhaupt nutzen, die auf natürlichem Weg keine Kinder haben können oder Träger einer schweren Erbkrankheit sind. Pro Jahr könnten gut 2000 Paare davon profitieren. Der grosse Vorteil des neuen Gesetzes: Es würde gerade Frauen stark entlasten, weil PID nicht während der Schwangerschaft, sondern vorher durchgeführt wird. Die Tests finden ausserhalb des weiblichen Körpers, während der künstlichen Befruchtung statt. Dazu werden dem Mann Spermien und der Frau Eizellen entnommen und in einer Glasschale zusammengeführt (In-vitro-Fertilisation). Nach der Befruchtung der Eizelle beginnt die Zellteilung. Laut Gesetz dürfen heute maximal drei Eizellen pro Zyklus zu Embryos entwickelt werden. Neu wären es zwölf. Und neu müssten diese drei auch nicht mehr kurz nach der Befruchtung eingepflanzt werden. Der Arzt kann an Tag fünf via PID den Embryo auf Genmutationen untersuchen und so erkennen, ob er überhaupt überlebensfähig ist oder ob er die Erbkrankheit der Eltern trägt. Im Vergleich zu heute steigt die Chance auf eine erfolgreiche Schwangerschaft massiv.

Hilfe für die Frauen und gegen die Widersprüche des heutigen Systems

Eine kleine Entwarnung, bevor nun die grosse Euphorie ausbricht: PID ist kein Zaubermittel, es gibt trotz positiver Resultate aus dem Ausland keine Garantie auf Erfolg. Das Verfahren ist zermürbend und aufwendig. Die Frau muss regelmässig Hormone spritzen und Tests machen. Und doch ist die Zulassung von PID unerlässlich, setzt sie doch dem heutigen System ein Ende, das zynischer kaum sein könnte: In der Schweiz ist sowohl In-vitro-Fertilisation wie auch Pränataldiagnostik (PND) erlaubt. Bei künstlichen Befruchtungen werden Frauen Embryos eingepflanzt, die sich nicht entwickeln können. Bereits die Wahrscheinlichkeit, dass die Frau schwanger wird, ist gering. Und wenn doch, dann endet die Schwangerschaft in drei von vier Fällen mit einer Fehlgeburt. Schlimmer ist der Widerspruch bei der PND: Gentests sind heute während der Schwangerschaft erlaubt, nicht aber bevor sich im Bauch ein Fötus entwickelt. Der Frau wird also eher eine Abtreibung zugemutet, als dass PID erlaubt wird.

Zwar sind Vorbehalte gegenüber jeder neuen Technik verständlich. Doch niemand wird gezwungen, PID anzuwenden. Und die Tests bezahlt jedes Paar aus dem eigenen Sack. Bleibt die Frage: Wieso soll PID wegen Vorbehalten Einzelner jenen Frauen verboten bleiben, denen die Technik grosses Leid ersparen könnte?