An einem Sonntag im Dezember hatten wir Besuch. Noch vor dem Dessert zog es die sechs Kinder – zwischen 5 und 9 Jahre alt – aus der warmen Stube nach draussen. Herumspringen, Trottinett fahren, und dann die Idee: ein Feuer machen! Ich holte die Feuerschale hervor, und als es loderte, entzündete sich die nächste Idee: Marshmallows bräteln! Da wir diese Zuckerbomben nicht an Vorrat hatten, schlug die Kinderschar vor, allein in den Coop am Bahnhof zu gehen, der habe doch immer offen und dort gebe es bestimmt Marshmallows. Unter den Erwachsenen wurde nun diskutiert: Dürfen wir die Kinder allein gehen lassen? Nicht dass der Weg zum Coop sonderlich gefährlich wäre, aber allein durch die Stadt ziehen, darf man das? Den Kindern, sprungbereit wie vor einer Runde Räuber und Poli, stand die Abenteuerlust ins Gesicht geschrieben, und so steckten wir der 9-Jährigen einen Fünfliber zu, nicht ohne sie daran zu erinnern, dass sie als Älteste die Verantwortung habe. Eine halbe Stunde später kehrten die Kinder mit ihrer Beute zurück, triumphierend spiessten sie die Marshmallows an die Holzstecken und liessen sie schmoren. In den Rauch mischte sich der Geruch von Freiheit.

In den USA hätten wir Eltern uns mit dieser Aktion womöglich strafbar gemacht. In mehreren Bundesstaaten handeln sie illegal, wenn sie ihre Kinder unbeaufsichtigt im öffentlichen Raum spielen lassen. Als wir mit der Familie fünf Monate in Boston lebten, sah man nirgendwo Kinder frei herumlaufen, obwohl unser Quartier ruhig und sicher war. Wir realisierten erst dort, was für eine geradezu romantische Lebensqualität es in der Schweiz bedeutet, zu Fuss in die Schule gehen zu können. Die USA sind diesbezüglich extrem, auch wenn es Versuche zur Liberalisierung gibt: Ein Gesetz im Bundesstaat Utah – es trägt den schönen Namen «Free-Range Parenting Law» – sorgte dieses Jahr für Schlagzeilen. Es entkriminalisiert Eltern, die ihre Kinder frei spielen lassen.

Übermässige Risiko-Vermeidung

Dass es für diese Selbstverständlichkeit ein Gesetz braucht, mag für Schweizer befremdlich sein, doch wer sich auf hiesigen Spielplätzen aufhält, stellt fest: Auch bei uns sind Dauerüberwachung und Dauerbevormundung von Kindern, selbst im oberen Primarschulalter, an der Tagesordnung. Aufpassen! Langsamer! Achtung!, lauten die Kommandos von der Seitenlinie aus. Man sieht Eltern, die schon hysterisch werden, wenn ihr Kind an Wintertagen den Reissverschluss der Jacke nicht luftdicht bis zuoberst gezogen oder sich gar der Kappe entledigt hat. Es droht Gefahr. Erkältung, Fieber, mindestens!

Vollkasko-Mentalität und Fehlervermeidung als oberstes Gebot: Das ist ein Kennzeichen wohlhabender, gesättigter Gesellschaften. Was in Politik und im Arbeitsleben schon fragwürdig genug ist, hat im Umgang mit Kindern fatale Folgen, denn für sie ist Stillstand keine Option. Sie müssen wachsen, gross werden. Doch wie sollen Kinder lernen, mit Gefahren umzugehen, eigene Ideen zu entwickeln, sich selber zu beschäftigen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, wenn ihnen Eltern oder andere Erwachsene diese Aufgaben gutmeinend vollständig abnehmen? Oder wenn sie alles «ausdiskutieren» mit ihren Kindern, die sie, im Bemühen cool zu sein, als ihre besten Freunde und Freundinnen sehen?

Dies ist kein Plädoyer für Nachlässigkeit. Je kleiner die Kinder, umso mehr muss man sie vor Gefahren schützen. Aber geht es früher oder später nicht vor allem darum, den Kindern beizubringen, auf eigenen Beinen zu stehen und – im Rahmen gesetzter Grenzen – Verantwortung für sich selbst zu übernehmen?

Die Eltern als Animateure

Auch in den USA wird diese Frage vermehrt diskutiert. Die «New York Times» berichtete in der Weihnachtsausgabe, dass amerikanische Eltern heutzutage etwa gleich viel Zeit in Gegenwart ihrer Kinder verbringen wie 1975, doch imUnterschied zu damals seien die Eltern nun nicht einfach präsent. Nein, sie betätigen sich als Unterhalter und Animateure für ihre Kinder, und sie geben auch immer mehr Geld für sie aus. Eltern in den USA verwenden mehr Zeit denn je fürs gemeinsame Erledigen der Hausaufgaben, sie fahren die Kinder zu Bastelnachmittagen, Sportanlässen, Schwimmkursen und wohlorganisierten Freizeitaktivitäten jeder Art. Auch dafür gibts in den USA ein schönes Wort: «Intensive Parenting».

Dass es in der Schweiz kaum anders ist, legen Alltagsbeobachtungen nahe, oder auch Eindrücke aus der SRF-Serie «Achtung Mütter». Diese porträtierte eine Mutter, die ihre Teenager-Kinder mit Handy-Ortung nonstop überwacht. Dabei ist das Motiv der Totalumsorgung ein durchaus gutes: Man will das Beste für sein Kind. Dass letztlich alle Eltern das Beste wollen, davon zeugen in Buchhandlungen die stetig wachsenden Regale mit Elternratgebern. Doch parallel dazu scheint auch die Überforderung zu wachsen – den Job muss man ja auch noch schaukeln – und mit ihr die sogenannten Eltern-Burnouts.

Der Siegeszug des «Intensive Parenting», gefördert von Büchern und TV-Serien, ist darum fragwürdig und kein guter Vorsatz fürs neue Jahr. Viel besser wären da Prinzipien, die sich schwerlich kommerzialisieren lassen: für die Kinder da sein, statt sie zu unterhalten; ihnen Geborgenheit zu geben, statt sie zu überwachen; und ihnen ein Grundvertrauen in die eigenen Fähigkeiten mitzugeben, statt ihnen alle Entscheidungen abzunehmen.

patrik.mueller@schweizamwochenende.ch