Heute präsentiert die Nationalbank in Locarno ihre neue 20er-Note. Sie zeigt eine Leinwand des Filmfestivals Locarno – und ist damit eine Ode an ein Festival, das seit 1946 existiert und zu den wichtigsten Filmfestspielen Europas gehört. Zusammen mit der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels vor einem halben Jahr wirkt die Präsentation fast wie ein Massnahmenpaket aus Bern, um das Tessin wieder besser zu integrieren.

Der Südkanton war in den letzten Jahren in die Krise gerutscht, weil seine beiden Erfolgsgaranten – Tourismus und Finanzplatz – Schlagseite erhielten. Globalisierung und Billigflieger machten Mittelmeerdestinationen wie Mallorca, Zypern und Ägypten zu Rennern und liessen das Tessin als Tourismusdestination alt aussehen. Als zudem das Bankgeheimnis wegfiel, geriet auch der Bankenplatz Lugano unter Druck. Parallel dazu brach mit der Personenfreizügigkeit eine Invasion von Grenzgängern aus Italien über den Kanton herein. Dumping-Löhne und Angst um die Arbeitsplätze waren die Folge. Das Tessin fühlte sich alleine gelassen und rebellierte am 9. Februar 2014 mit einem Rekord-Ja von 68,2 Prozent zur Masseneinwanderungs-Initiative. Damit begann eine Phase des Jammerns und Wartens. Des Jammerns über die Missstände und des Wartens darauf, dass Bern sie löst.

Innovation als Schlüsselbegriff

Inzwischen hat das Tessin die Sache selbst an die Hand genommen. Eine neue Generation pragmatischer Politiker, Wissenschafter und Unternehmer hat genug von den kleingeistigen regionalpolitischen Grabenkriegen, die das Tessin fast in die Innovationsunfähigkeit trieben. Dazu zählen etwa Wirtschaftsminister Christian Vitta (FDP), Michele Foletti (Lega), Finanzdirektor der Stadt Lugano, Boas Erez, Rektor der Universita della Svizzera italiana, Tiziano Moccetti, Direktor des Herzzentrums Tessin – und eine innovative neue Tourismusgeneration. Vitta und Co. wollen den Kanton öffnen, besser vernetzen, innovationsfähiger aufstellen. Als strategischen Wachstumsfaktor haben sie den Forschungsplatz Tessin ausgemacht, die medizinische und biotechnologische Forschung im Speziellen. Pol der Entwicklung soll das neue Lugano Medtech Center werden, das Ende 2017 seine Türen öffnet.

In diesem Komplex in unmittelbarer Nähe der Universität werden künftig Forschung und Anwendung gefördert und vernetzt. Damit sollen die Ressourcen im Kanton besser zur Geltung kommen – wie etwa das Herzzentrum Tessin, die weltweit anerkannte Onkologieklinik bei Bellinzona und die neue biomedizinische Fakultät an der Universität. Sie bietet ab 2020 mit den Partner-Universitäten ETH Zürich, Uni Basel und Zürich einen Masterstudiengang für Medizin an. Die Universität gilt heute als Symbol für die Öffnung mit ihren Studenten aus über 100 Ländern.

Der Basistunnel-Effekt

Einen Aufschwung verspürt auch der Tourismus. Er hängt vor allem mit dem Gotthard-Basistunnel zusammen. Heute sind Bellinzona und Lugano von Zürich aus in nur 1:38 und 2:08 Stunden erreichbar, 30 Minuten schneller als im Herbst 2016. Dazu kommt frischer Wind aus dem Kanton selbst: Tessin Tourismus hat für 2017 das «Ticino Ticket» lanciert: Wer in einem Hotel, in einer Jugendherberge oder auf dem Campingplatz übernachtet, erhält gratis eine Art Generalabonnement für den ganzen öffentlichen Verkehr im Tessin. Man hofft, damit gegen eine Million solcher Tickets umzusetzen. Einen sanften Boom erfährt das Tessin aber auch aufgrund der internationalen Entwicklung. Im Zeichen von Terroranschlägen im Mittelmeerraum steht es neuerdings für Sicherheit.

Es war das Eishockey, das Anfang 2016 ein Signal für die Zusammenarbeit über alle Grenzen hinweg gesetzt hatte. Ausgerechnet die Erzfeinde Ambri und Lugano einigten sich darauf, mit den «Ticino Rockets» ein gemeinsames NLB-Farmteam zu gründen, mit dem HC Biasca und der GDT Bellinzona. Das hatte im eishockeyverrückten Tessin eine nicht zu unterschätzende Symbolwirkung. Umso mehr, als im Fussball ähnliche Bemühungen über Jahrzehnte hinweg an regionalpolitischen Eitelkeiten scheiterten. Dass sich Bern mit der Eröffnungsfeier des Gotthard-Basistunnels und der Präsentation der neuen Note im Tessin sozusagen die Klinke in die Hand gibt, ist zwar Zufall. Ein Zufall aber, den man als Fügung des Schicksals bezeichnen kann. Denn er lenkt das Scheinwerferlicht auf einen Kanton Tessin «en marche».

othmar.vonmatt@azmedien.ch